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Türkei: Flüchtlinge als Druckmittel ist zynisch und verachtend

Meinung : Türkei: Flüchtlinge als Druckmittel ist zynisch und verachtend

Flüchtlinge als Verschiebemasse, um Europa politisch unter Druck zu setzen. Zynischer und menschenverachtender geht es kaum.

Pull-Faktor nennt man es (von Englisch pull, ziehen), wenn Länder durch eine relativ großzügige Asylpolitik noch zusätzlich Menschen dazu animieren, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Das wollen die Europäer seit der Krise von 2015 vermeiden. Das hat Angela Merkel versprochen, und das verlangt auch eine große Mehrheit der Bürger. Push-Faktoren (von Englisch push, schieben) sind Armut und Kriege. Schiebend wirken aber auch Erklärungen wie die des türkischen Präsidenten Erdogan vom Wochenende, der Weg in die EU sei offen. Was nicht gestimmt hat.

Nun schickt Erdogan auch noch Sondereinsatzkräfte, um jenen, die wegen seines Aufrufes an der EU-Außengrenze buchstäblich im Niemandsland feststecken, die Rückkehr in die Türkei zu verwehren. Flüchtlinge als Verschiebemasse, um Europa politisch unter Druck zu setzen. Zynischer und menschenverachtender geht es kaum.

Es muss einen Weg der Humanität zwischen Pull und Push geben. Wenn die EU ihre Außengrenze verstärkt, was sie gerade beschlossen hat, dann löst eine Hilfsaktion für die auf den griechischen Inseln und am Grenzfluss nun einmal Gestrandeten keinen größeren Nachzieh-Effekt aus, keine neue Balkanroute. Dann gibt es keinen Grund, nicht jenen gegenüber barmherzig zu sein, die nicht vor und nicht zurück können, zum Teil seit Jahren. Deutschland muss auch nicht auf die anderen Europäer warten, um menschlich zu sein.

Es kann locker die 5.000 dringendsten Fälle aufnehmen, sogar mehr. Frauen, Kinder, Familien, Kranke. Alle Einrichtungen dafür sind da. Der schäumenden AfD kann man entgegnen: In ihren Hochburgen würden man eine so geringe Zahl nicht einmal merken. Humanität an dieser Stelle ist keine Frage von migrationspolitischen Prinzipien, das ist vielmehr eine Frage, ob man noch entspannt in den Spiegel gucken kann, wenn man zuvor die Bilder von Lesbos gesehen hat.

Ein Kommentar von Werner Kolhoff. Foto: nn