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Unwetter verwüstet das schwäbische Killertal

Unwetter verwüstet das schwäbische Killertal

Überflutung: Ein kleines Flüsschen wird in Minuten zum Strom und reißt drei Menschen in den Tod.

Jungingen. Arek Weister ist von oben bis unten mit Schlamm beschmiert. Der 21 Jahre alte Abiturient zeigt auf seine schwarzen Arbeitsschuhe: "Das ist mein letztes Paar. Unsere Schuhe standen hinter der Haustür." 1,50 Meter hoch hat das Wasser im Haus an der Bahnhofstraße im baden-württembergischen Jungingen gestanden. Sein Vater und sein Bruder hatten noch versucht, die Tür zuzuhalten - vergeblich.

Am Dienstagmorgen schippen sie die zähe braune Masse auf die Straße und tragen Möbel, Computer und Fernseher vor die Tür und dann zum Container. "Alles ist kaputt." Er könne froh sein, dass er mit dem Leben davon gekommen sei, meint der junge Mann. Am Dienstagabend hätten drei Autos übereinandergestapelt vor ihrer Haustür gestanden.

Das Haus von Arek Weister steht im Zentrum des kleinen Fleckens auf der Schwäbischen Alb, der am späten Montagabend zum See wurde. Die Idylle in dem 1500-Einwohner-Dorf im Killertal wurde jäh zerstört. Sintflutartige Regenfälle ließen das Flüsschen Starzel schlagartig anschwellen.

Die Wassermassen rissen rund 30 Autos mit, der Strom fiel zeitweise aus, unzählige Wohnungen wurden überflutet, und einige Häuser drohten einzustürzen. "Jungingen war eine Stunde von der Außenwelt abgeschnitten", sagt Innenminister Heribert Rech (CDU). Etwa zwei Drittel der Haushalte sind betroffen, der Schaden liegt im zweistelligen Millionenbereich.

Nur ein paar hundert Meter von Weisters Haus entfernt wurden zwei Frauen im Auto von den Fluten mitgerissen. Beide ertranken. Im knapp zehn Kilometer entfernten Hechingen überraschten die Wassermassen eine Frau in ihrem Keller, auch sie ertrank.

Die Mitarbeiter vom Bauhof Jungingen hätten zehn Autofahrern in letzter Minute das Leben gerettet, berichtet Bürgermeister Harry Frick. Mit einem Unimog seien sie durch die Fluten gefahren und hätten die Eingeschlossenen aus ihren schwimmenden Wagen geborgen.

Am Dienstag ist das Dorf komplett verwüstet. Die Wassermassen haben Kopfsteinpflaster weggerissen, Brücken sind eingestürzt, in den Gärten hinter den Häusern ist kaum noch etwas Grünes zu erkennen. 250 Feuerwehrleute und Einsatzkräfte vom THW pumpen unentwegt Wasser aus den Kellern und Erdgeschossen.

Auch die Anwohner gönnen sich kaum eine Pause bei den Aufräumarbeiten. "Viele Menschen sind noch unter Schock", meint Jungingens Bürgermeister Frick. Der Moment komme bald, an dem sie nach der durchgearbeiteten Nacht an ihre körperlichen Grenzen kämen: "Die Betroffenheit kommt spätestens dann, wenn sie abends nicht mehr ins Wohnzimmer können, weil keins mehr da ist."