Es gibt zu wenige Hebammen im Tal

Es gibt zu wenige Hebammen im Tal

Seit der drastischen Erhöhung der Berufshaftpflicht hat die Zahl der freiberuflichen Geburtshelferinnen stark abgenommen.

Wuppertal. In Wuppertal und Umgebung gibt es immer weniger freiberufliche Hebammen. Mit der drastischen Erhöhung der Berufshaftpflichtversicherung haben sich viele Hebammen, die vorher in der Geburtshilfe tätig waren, umorientiert. Deshalb sollten sich Schwangere so früh wie möglich um eine Begleitung kümmern. Denn es besteht zwar ein Rechtsanspruch auf eine von der Krankenkasse finanzierte Hebammen-Begleitung, doch das ist bloße Theorie.

Wie viele Hebammen es in Wuppertal gibt, wird nicht festgehalten. Aber: „Wir können seit etwa drei Jahren viele Anfragen nicht mehr bedienen“, erzählt Kristin Seeland, Geschäftsführerin vom Geburtshaus an der Hainstraße. 75 Frauen hätte sie dieses Jahr schon absagen müssen, 30 stünden auf der Warteliste bis April. „Das ist so traurig. Vor allem wenn die Frauen erzählen, dass sie schon bei 15 anderen Stellen angerufen haben.“ Sogar aus Düsseldorf, Leichlingen oder Wipperfürth würden sich Schwangere melden, weil die Situation dort noch schwieriger sei.

Derzeit hat das Geburtshaus noch sechs aktive Hebammen, die auch Geburten begleiten. Doch zwei verlassen das Team bald aus privaten Gründen. Obwohl schon seit langem Nachfolgerinnen gesucht werden, hat sich bislang noch keine gefunden. „Es werden kaum Hebammen ausgebildet“, weiß Kristin Seeland.

30 Auszubildende fangen pro Jahr an der Wuppertaler Akademie für Gesundheitsberufe (AfG) an. Doch rund 70 Prozent der Hebammenschülerinnen stammten aus anderen Städten, teilt die AfG auf WZ-Nachfrage mit. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Kristin Seeland: „Die gehen nach dem Examen wieder in ihre Heimat zurück. Für Wuppertal bleiben nicht viele übrig“, bedauert die Geburtshaus-Geschäftsführerin. Auch von den Absolventinnen der Fachhochschule für Hebammenwissenschaften in Bochum würden kaum welche ins Tal kommen.

Kristin Seeland sieht die Schwierigkeit darin, dass der Beruf der Hebamme seit der Diskussion um die teure Haftpflichtversicherung und die damit einhergehende Existenzbedrohung gelitten habe. Allerdings habe sich die Situation inzwischen entspannt.

Jessica Saxenhammer ist trotz aller Schwierigkeiten Hebamme in der Geburtshilfe geblieben. Die Versicherung hat sich in den vergangenen zwölf Jahren verfünffacht, in den vergangenen 16 Jahren versiebzehnfacht. Aber jetzt gibt es einen Kompromiss“, berichtet sie. Von den rund 7000 Euro Versicherungsprämie müsse sie zwar noch einen Sockelbetrag von etwa 2500 Euro bezahlen. Den Rest übernehme jetzt aber der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV).

Doch bis dieser Kompromiss erzielt worden sei, hätten schon viele Kolleginnen — besonders die in Teilzeit — wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit die Geburtshilfe aufgegeben. Entweder hätten sie den Beruf ganz aufgegeben oder sich auf Vor- und Nachsorge oder Kurse spezialisiert. „Gefühlt hat die Hälfte in der Geburtshilfe aufgehört“, meint Jessica Saxenhammer. Eine genaue Zahl kenne sie aber nicht.

Das Gefühl, dass sogar für die Nachsorge kaum noch Hebammen zur Verfügung stehen, hat Katrin Möhlmann. „In der ersten Schwangerschaft, vor zweieinhalb Jahren, habe ich erst nach der zwölften Woche eine Hebamme für die Nachsorge gesucht — da war es schon fast zu spät.“ Über das Bergische Hebammen-Netzwerk habe sie dann doch noch eine vermittelt bekommen. Die begleite sie nun auch bei der aktuellen Schwangerschaft.

„Wir müssen derzeit der Hälfte aller Familien, die sich an uns wenden, absagen“, gibt Julia Haldenwang, die Erste Vorsitzende des Hebammen-Netzwerks, zu. Etwa 35 aktive Hebammen aus dem Umland seien bei ihnen Vereinsmitglieder. Auf diese Kolleginnen würden pro Jahr rund 500 Anfragen für die Zeit der Schwangerschaft und nach der Entbindungverteilt. Beleghebammen könnten aber nicht vermittelt werden. Die Gründe für die Unterversorgung sieht Haldenwang in gestiegenen Geburtenzahlen, schwierigen Rahmenbedingungen für Hebammen und daraus resultierend zu wenigen Auszubildenden.

Für Schwangere scheint es nur einen Weg zu geben: „Ich habe sofort mit dem positiven Schwangerschaftstest im Geburtshaus angerufen und nach einer Hebamme gefragt“, berichtet Christiane Müller. Sie hat gerade ihr viertes Kind bekommen. Für die erfahrene Mutter war die Hebamme schon seit der Frühschwangerschaft eine wichtige Bezugsperson.

„Dass sie zu uns nach Hause gekommen ist, war für mich als Familien-Mutti wichtig.“ Frauen, die keine Hebamme finden, rät Kristin Seeland vom Geburtshaus, die Krankenkasse um Hilfe zu bitten, um den Rechtsanspruch wahrnehmen zu können.

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