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Carmen verzaubert die Männer

Carmen verzaubert die Männer

Georges Bizets Oper feierte Premiere im ausverkauften Opernhaus. Das Publikum spendete begeisterten Applaus.

Wenn Carmen die Blume nicht einfach kokett Don José vor die Füße schmeißt, sondern sie von Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik ihm überbringen lässt, hat das mit Umgarnen wenig zu tun. Sie geht nicht lasziv mit den Herren der Schöpfung um, die trotzdem von ihr verzaubert sind. Sie ist eine selbstbewusste Frau und weiß genau, wie sie mit Männern umzugehen hat. Doch ihr Kalkül geht trotzdem nicht auf, da rasende Eifersucht einer ihrer Verehrer ihr Verderben ist.

Das ist wohl die wesentliche Essenz, die in der neuesten Produktion der Wuppertaler Bühnen herausgearbeitet wird. Ausverkauft ist das Opernhaus, als eine der weltweit meistauf-geführten Bühnenwerke Premiere feiert: Georges Bizets Opéra comique „Carmen“. Prunkvoll ausgestattet sind viele Inszenierungen, in denen die Hauptperson sexy daherkommt.

Aber nicht in Wuppertal. Schlicht aus roten, länglichen, drehbaren Holzwänden (Bühnenbild, Kostüme: Luis Carvalho) besteht die Bühne, die aus dem Schnürboden abgesenkt werden. So entstehen mannigfaltige Räume und Gassen bis hin zu einer stilisierten Stierkampfarena. Man merkt es der Inszenierung an, dass Regisseurin Candice Edmunds vom Schauspiel kommt.

Das kommt klar mit ihrer deutlichen Personenführung zum Ausdruck, wenn es um wenige Darsteller geht. Den Fokus legt sie auf die vier Protagonisten Carmen, Don José, Micaëla und Escamillo.

Deren Charaktere zeichnet sie intensiv nach, indem sie bei ihren Arien und Duetten die Atmosphäre intim werden lässt. Soldaten, Zigarettenarbeiterinnen, Kneipengesindel, Partisanen alias Schmuggler, euphorisierte Torerofans lässt sie verschwinden, wenn es hauptsächlich um diese Personen geht. Sind die anderen jedoch auch auf der Bühne, sitzen sie manchmal so tatenlos herum, dass sich Stillstand einstellt - eines der wenigen Mankos.

Die Szenerie wirkt dann ideenlos, wenn es um die Führung von vielen Menschen geht. Sind Abschnitte aber choreografiert (Neil Bettles), ist einiges los: Etwa treiben die Kinder hemmungslosen Schabernack mit den Soldaten aus der Zeit des spanischen Bürgerkriegs, mit denen eigentlich überhaupt nicht zu spaßen ist.

Darstellerisch und stimmlich sind die Hauptrollen so gut wie optimal besetzt. Ieva Prudnikovaite brilliert in der Titelpartie in allen Belangen. Sie spielt überzeugend eine selbst-sichere wie berechnende Carmen und glänzt in allen Registern mit einem ausgewogenen, energischen Mezzosopran. Diesen hohen Qualitäten steht Tenor Joachim Bäckström in nichts nach, der sängerisch und darstellerisch einen glaubhaften eifersüchtigen Don José mit seinem Besitzanspruch an ihr abgibt.

Bryony Dwyer spielt ausgezeichnet das Mädchen vom Lande, verleiht der Micaëla mit ihrem strahlenden Sopran eine adäquate Stimme.

Dmitry Lavrov ist als Torero Escamillo der Macho schlechthin. Nur strahlt sein Bariton dieses Heldenhafte nicht immer aus, gerade wenn er sich in die tieferen Tongefilde zu begeben hat. Zudem hat Markus Baisch Opern- und Extrachor sowie den Kinderchor exzellent einstudiert. Ihre präzise Stimmgewalt lassen keine Wünsche offen.

Tadellos spielt das Sinfonieorchester Wuppertal auf. Unter der Stabführung von Generalmusikdirektorin Julia Jones kommen sämtliche Strukturen der Partitur mustergültig zum Tragen. Differenziert und kultiviert sind selbst die lauten Passagen. Nur an wenigen Stellen wären etwas mehr Pfeffer wünschenswert.

Das Premierenpublikum war ganz aus dem Häuschen. Prudnikovaite, Bäckström und Dwyer heimsen den stürmischsten Beifall ein. Auch die Chöre und die Orchesterleistung sind umjubelt. Wäre nach etwa zehn Minuten nicht der Vorhanggefallen, hätten die stehenden Ovationen wohl kein Ende nehmen wollen.