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Querbeat kündigt Album an: „Karneval wird immer ein Teil von uns sein“

Sänger Jojo Berger über neues Album, Corona und Bühne : Querbeat: „Karneval wird immer ein Teil von uns sein“

Die Brass-Pop-Band Querbeat kündigt mitten im Karnevals-Loch ihr Album „Radikal Positiv“ plus Tour an – ein Gespräch mit Sänger Jojo Berger über Corona und Bühne.

Vor anderthalb Jahren waren Querbeat gerade auf dem Weg von einer im Karneval verorteten Band zu einer Band für Rock- und Pop-Festivals sowie Arenen. Dann kam Corona. Und man hörte nichts mehr. Bis jetzt: Zur Karnevalszeit und mitten im Lockdown kündigen sie ein neues Album an – und präsentieren die erste Single daraus. Jojo Berger, Frontmann des 13 Personen umfassenden Kollektivs, erklärt sich.

Herr Berger, auf dem Zenit Ihrer bisherigen Karriere machte es plötzlich „Plopp“ und sie waren eineinhalb Jahre weg vom Fenster. Funkstille. Jetzt sind Querbeat wieder da. Urplötzlich und ohne Vorwarnung. Das ist auch für Corona-Zeiten kurios.

Jojo Berger: Richtig. Das ist echt kurios, denn: Wir sind normalerweise die „Auf den letzten Drücker“-Typen, was Deadlines angeht. Jetzt sind wir schon lange vor dem Stichtag so weit wie nie zuvor. Aber wir mussten einfach etwas tun. Jetzt. Wir hatten Hummeln im Hintern. Man darf nicht vergessen: Das letzte komplette Konzert von uns in voller Besetzung war im November 2019 bei den Jazztagen in Leverkusen.

Das neue Album wird „Radikal Positiv“ heißen. Klingt nach Corona-Konzept.

Berger: Das kann man so sagen. Viele Ideen und Songs sind aber auch schon vor Corona entstanden sind. Es geht uns auf dem Album generell darum, zu zeigen, wie man in schwierigen Situationen Mut und Hoffnung findet. 

Der Titel der ersten Single lautet: „Früher wird alles besser als du denkst“. Das hört man in Zeiten wie diesen gerne. Was wissen Sie denn, was wir nicht wissen?

Berger: Ha, das ist die Frage! Aber im Ernst: Wir haben uns hingesetzt und uns gefragt: Was macht diese Krise mit uns? Mit uns als Überflieger, die ausgerechnet 2020 die großen Festivals wie etwa das „Pinkpop“ gespielt hätten? Lassen wir uns davon runterziehen? Oder pushen wir uns aus Trotz gegenseitig so sehr, dass wir jetzt erst recht reinhauen?

Sie haben sich offenbar für Letzteres entschieden.

Berger: Ja. Wir sind beispielsweise in einen neuen Proberaum gezogen und haben den drei Monate lang renoviert – obwohl es ja völlig unklar ist, wann wir ihn mal richtig nutzen können. Aber das zeigt, worum es geht: Manchmal muss man völlig überziehen und konsequent optimistisch gleich drei Schritte nach vorne gehen. Dann fällt man womöglich – siehe Corona – sofort wieder zwei davon zurück. Aber: Am Ende hat man eben trotzdem einen Schritt weiter gemacht. Den entscheidenden. Man ist rausgekommen. Wie ein Phönix, der ja auch die Asche braucht, um aus ihr hervorzutreten.

Ihr Optimismus in allen Ehren. Aber Hand aufs Herz: Wie häufig war auch bei Ihnen zuletzt das Glas halb leer?

Berger: Das kam natürlich vor. Auch wir haben ja Sorge um unsere Familien und Freunde und beschäftigen uns mit der Situation. Ebenso als Musiker: Wir sind 13 Leute. Da müssen wir schon extrem aufpassen, wann und wie wir etwas machen – selbst wenn es nur um einen Stream im Internet geht. Zudem müssen wir Touren absagen. Wir werden zwei Jahre älter sein und werden zwei Jahre unseren Job nicht haben machen dürfen, wenn wir dann irgendwann hoffentlich doch noch beim „Lollapalooza“- oder „Nova Rock“-Festival auf der Bühne stehen werden. Oder nehmen wir das erwähnte „Pinkpop“: Wir sollten dort unmittelbar vor Ellie Goulding und, jetzt kommt’s, den Red Hot Chili Peppers spielen! Das wäre der Moment gewesen, wo wir uns gleich nach unserem eigenen Auftritt noch völlig euphorisch ein Bierchen geschnappt und dann gemeinsam Legenden angeschaut hätten auf einer Bühne, auf der wir gerade selbst noch standen. Ich meine: Das ist der Lebensentwurf, nach dem wir seit jeher streben. Wir kommen von ganz unten. Von der Straßenmusik. Und wir genießen das so sehr. Und dann muss und darf man eben auch mal ein Tränchen verdrücken, wenn so etwas nicht klappt. Aber wir hoffen, dass es spätestens 2022 hinhaut. Und sowieso: Uns geht es ja noch gut! Wir kennen Menschen, die wirklich um ihre Existenz fürchten. Oder haben eine Freundin, die sich im Flüchtlingslager Moria engagiert – und die Menschen, um die sie sich dort kümmert, werden gerade völlig vergessen, weil es überall um Corona geht.

Sie singen von einer Droge namens „A.D.A.M.“, die alles zurück auf Anfang setzt und einen Rausch der Hoffnung beschert. Was wirkt noch in Zeiten des Lockdowns?

Berger: Ich habe zuletzt beispielsweise wieder mehr Musik gehört – vor allem Poppunk-Bands aus den 90ern wie Blink 182 oder Weezer. Oder habe Filme wie „American Pie“ aus dieser Zeit geschaut und hinterher mit meinen Kumpels via Zoom darüber gequatscht. Das hatten wir zuvor lange nicht mehr gehabt. Dieses Lachen über Insiderwitze. Über Dinge, die man nur kurz anschneidet – und alle wissen sofort Bescheid, was Sache ist. Da geht es um gemeinsame Erinnerungen. Das Wiederzuentdecken, ist gerade jetzt unheimlich wertvoll. Ich hatte zudem plötzlich einen viel intensiveren Kontakt zu Freunden, die fernab in Valencia leben. Und natürlich bin ich viel intensiver mit meiner Familie zusammen. All das sind, wenn man so will, Drogen, die einem helfen.

Haben Sie sich mit den zwölf anderen Bandkollegen regelmäßig ausgetauscht?

Berger: Ja, tatsächlich zwei Mal die Woche. Über Zoom. Wir hatten uns zu Beginn des Lockdown nämlich sofort gesagt: „Wir müssen dranbleiben! Wir wollen dann, wenn es wieder los- und die Tür aufgeht, diejenigen sein, die vorne stehen und mit der Türe nach draußen fallen!“ Es geht um Austausch. Austausch ist alles. Und ich glaube, das ist auch genau das, was den meisten Verschwörungserzählern heutzutage abgeht: der Austausch mit anderen. Das Reden darüber, was da gerade passiert. Das optimistische Nach-Vorne-Schauen.

Sie beschreiben Ihre Musik als „Future Brass Punk“. Das klingt wüst, abenteuerlich – und nach Flucht aus der Schublade Karneval. Haben Sie Angst, in diese reingesteckt zu werden?

Berger: Diese Angst hatten wir vor drei, vier Jahren. Als viele Leute vielleicht noch nicht wussten, wo sie uns einordnen sollten, wir das wohl selbst nicht wussten – und es dann eben der Karneval wurde. Ich denke: Unsere Lebensfreude hat aber auch einfach dieses Lebensbejahende, das der Karneval in sich trägt, ausgestrahlt. Die Möglichkeit des Unmöglichen, dass Super Marios und Wikinger zusammenkommen. Dass Anwältinnen und Ford-Arbeiter miteinander tanzen. Der Karneval wird immer ein Teil von uns sein. Und wir werden  sicherlich immer wieder mal während dieser Zeit spielen. Aber ich würde eben auch lügen, wenn ich sagen würde: „Ich habe  keine Lust, mal in Glastonbury zu spielen.“ Letztlich ist es so: Wir sind eine Karnevalsband. Eine Festivalband. Eine Club-Band. Oder eine Band für große Hallen. Es kommt einfach darauf an, wo wir gerade jeweils spielen. Fest steht nur: Wir lassen uns nicht einschränken.