Nebenberuflich Raser blitzen

Nebenberuflich Raser blitzen

Die Stadt lässt sich bei Radarkontrollen von Aushilfskräften unterstützen. Ein Blick in den Alltag eines „Hilfsblitzers“.

Der erste rote Blitz zuckt schon früh an diesem Abend durch die Mühlenstraße in Rheydt. Gleich das erste Auto hat es erwischt. 41 Kilometer pro Stunde, erlaubt sind 30. Das macht 15 Euro. Klaus Pietsch (Name geändert) sitzt auf seinem Fahrersitz und schaut sich das Bild noch einmal genauer an. Der Mann am Steuer ist zu erkennen, das Kennzeichen auch. Der Fahrer des zu schnellen weißen Mazda wird bald Post bekommen. Klaus Pietsch seufzt, und schaut wieder in seinen Rückspiegel.

Der vergangene Freitagabend in der Mühlenstraße ist unwirtlich. Es ist kalt und regnet. Und Pietsch verbringt zwei Stunden damit, Raser zu blitzen. Er ist mit einem der städtischen Radarwagen unterwegs, und er gehört zu jenen vier speziell geschulten 450-Euro-Jobbern, die seit Ende Oktober vergangenen Jahres mit den Wagen auch abends „blitzen“. In den ersten drei Monaten haben sie dabei bis zum 31. Januar 3551 Autofahrer ermittelt, die deutlich zu schnell waren. Insgesamt kamen in den drei Monaten dadurch mehr als 70 000 Euro — durchschnittlich etwa 20 Euro pro Fall — an Bußgeldern zusammen. Manchmal, sagt Pietsch, habe es auch schon Linienbusse erwischt. Und Taxis natürlich auch.

Der Dienst beginnt für Pietsch an diesem Freitag um 16 Uhr. Er holt sich das Auto an der Nicodemstraße bei der Stadtkasse ab und hat zwei Stationen auf seinem Zettel. Zuerst die Aachener Straße in Holt, wo er in zwei Stunden 38 „Bilder macht“, wie er sagt. Weiter geht’s zur Mühlenstraße. „Hier haben wir eine Anwohnerbeschwerde bekommen, dass abends deutlich zu schnell gefahren wird“, sagt er — und beginnt damit, das Fahrzeug und die Radaranlage in Stellung zu bringen.

Das Auto muss genau parallel zur Fahrbahn geparkt sein, sonst gibt es Abweichungen in der Messung. Also nimmt Pietsch seinen Zollstock und kontrolliert das Felgenmaß. An beiden Rädern sind es genau elf Zentimeter. Passt. Dann öffnet er die Heckklappe, schaut noch mal, ob alle Eichsiegel unbeschädigt sind. Sonst wäre der Wagen sofort gesperrt. Die Straße ist auf mindestens 30 Metern gerade, und das Tempo-30-Schild steht ebenfalls und ist lesbar. Dann schaltet er den Computer der Messanlage ein, stellt den passenden Radarfilter ein, prüft, ob Polarisationsfilter und UV-Filter an sind — und macht dann ein Probefoto zur Kalibrierung. Das ist alles exakt vorgeschrieben und muss im Protokoll notiert werden. Als alles fertig ist, setzt sich Pietsch auf den Fahrersitz und wartet — und gleich der erste Wagen ist ein Treffer. Buch lesen oder Film gucken ist aber nicht, er muss jedes Auto genau beobachten. „Aufmerksamer Messbetrieb nennt sich das“, erklärt er. „Wenn ein Auto zum Beispiel genau in dem Moment des Blitzers die Spur wechselt, muss das festgehalten werden.“

Blitzer-Aushilfen machen sich nicht allzu viele Freunde. „Manche Kollegen sind auch schon fotografiert und im Internet veröffentlicht worden“, sagt Pietsch. Der 56 Jahre alte Angestellte ist ein großer Mann. Er spricht mit ruhiger Stimme und hat einen festen Händedruck. Wenn er in Rente geht, dann will er das auf jeden Fall weitermachen, wenn das Programm dann noch so weiterläuft, sagt er. 20 Stunden im Monat ist er mit dem Blitzer-Fahrzeug unterwegs. „Ich stehe voll hinter dieser Aufgabe. Es werden zu viele Menschen bei Unfällen verletzt oder sogar getötet, weil Autofahrer zu schnell sind.“ Seinen persönlichen „Spitzenreiter“ erlebte er vor einigen Wochen an einem Freitagabend auf der Rheindahlener Straße. „Die Scheinwerfer kamen immer schneller näher, und dann hat es auch schon geblitzt.“ 115 Kilometer pro Stunde bei erlaubten 50 — „das ist jenseits von Gut und Böse“, sagt Pietsch und schüttelt den Kopf. 280 Euro, zwei Punkte in der Verkehrssünderkartei, zwei Monate Fahrverbot.

Einen solchen Fang hat Klaus Pietsch an diesem Abend an der Mühlenstraße nicht gemacht. Am Ende der knapp zwei Stunden zeigt der Computer 51 gemessene Autos an, und fünf davon wurden geblitzt, waren also mindestens mit Tempo 41 unterwegs.