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Fridays-for-future-Demo in Willich: Was kommt nach dem Protest?

Freiwilliges Engagement : Konkrete Schritte für Klimaschutz

Demonstrieren und mehr nicht? In Willich und Tönisvorst gibt es Anzeichen dafür, dass der Protest in Engagement mündet.

Die Sogwirkung der weltweiten „Fridays for Future“-Bewegung ist auch im Lokalen, also vor der Haustür, auszumachen. Ablesbar zurzeit am deutlichsten an der steigenden Zahl derer, die auf den Freitags-Demonstrationen für mehr aktiven Natur- und Klimaschutz eintreten.

So nahmen vor einer Woche mindestens 600 Jugendliche und Erwachsene an der Nach-Feierabend-Demo ab 17 Uhr in Willich teil. In Kempen waren es rund 1000.

Aber, konkret gefragt, ist die zweifelsohne gestiegene Sensibilität auch anders zählbar? Im Umfeld? Nicht nur am Aktions-, sondern im Alltag?

Kein klarer Trend hin zum Ökostromprodukt

Wir haben beim Stromanbieter NEW nachgehört, wie viele Kunden in Tönisvorst in den vergangenen sechs Monaten auf Ökostrom umgestiegen sind. Antwort: „Seit März haben sich im Bereich Tönisvorst 223 Kunden für das Ökostromprodukt ,Blauer Himmel’ entschieden.“ Gemessen an Zahlen der Vorjahre stellt NEW aber keinen Umsteiger-Trend fest: „Die Abschlüsse für ein Ökostromprodukt sind nicht merklich angestiegen.“

Dabei, und das weist eine angefragte Beispielrechnung des Unternehmens aus, würde ein Vier-Personen-Haushalt „mit einem Jahresverbrauch von 3600 kWh für das Ökostromprodukt nur 38,52 Euro mehr bezahlen“. In der Gesamtrechnung heißt das 1096,56 statt 1058,04 Euro.

Und was könnten Kunden sonst für Nachhaltigkeit und Klimaschutz tun?

NEW-Pressereferentin Daniela Veugelers nennt mehrere Beispiele, unter anderem, dass Privatkunden und Kommunen eine Photovoltaikanlage pachten können, anstatt diese zu kaufen. NEW informiert über Fördermöglichkeiten.

Eine Nachfrage, wie viele ihrer Kunden zuletzt auf Ökostrom umgestiegen sind, ist auch an die Stadtwerke Willich gegangen. Eine Antwort liegt noch nicht vor. Sie wird nachgereicht.

Um den Boden dreht sich bei Gartengestaltung fast alles

„Die Menschen werden sensibler.“ Das hat Diana van Diemen festgestellt. Sie betreibt mit ihrem Mann eine Staudengärtnerei an der Hausbroicher Straße in Anrath (www.stauden-van-diemen.de). Sie hat beispielsweise im Sommer ein Ehepaar beraten, das den Garten neu gestalten wollte. Aber Schlange stehen Leute, die einen Schottergarten zurück auf Grün setzen wollen, nicht. „Das ist ein langfristiges Projekt“, sagt van Diemen. Die Pflegeleichtigkeit sei der am häufigsten genannte Kundenwunsch. Van Diemen betont in der Beratung die Bedeutung des Bodens und seiner Beschaffenheit. „Ich sage immer, man solle Fotos und einen Beutel Erde mitbringen.“ An der Struktur – lehmige, sandige, humusige Erde, mit oder ohne Steinanteil – könne sie viel ablesen und dann Standort-geeignete Pflanzen nennen. „Um den Boden dreht sich fast alles.“ Eine mediterrane Pflanze könne in einem lehmigen, „verbackenen“ Boden in der Winternässe nicht gedeihen. „Das funktioniert nicht.“

Seminare bietet van Diemen nicht an. Sie verweist dazu etwa auf Homepage und Newsletter von Gärtnermeisterin Ulla Hannicke in Düsseldorf (www.primrose-gartenberatung.de) oder Seminare und Workshops von Theresa Topoll, Oberbenrader Straße in Krefeld (www.blickpunktgarten.de).

Plastik geben van Diemens in Anrath nicht aus. Kleine Pflanzenmengen werden in Kartons ausgegeben. Plastikpaletten gibt es nicht. „Und unsere Kunststoff-Töpfe nehmen wir zurück“, so Diana van Diemen.

Nabu Willich spürt mehr Interesse an Angeboten

Auch eine Woche nach der Fridays for future-Demonstration in Willich ist Monica Sandrock immer noch begeistert von der „guten und fröhlichen Stimmung“ von Jugend und Erwachsenen. „Es war eine wunderbare Gemeinschaft.“ 14 Aktive der Willicher Nabu-Ortsgruppe seien vor Ort gewesen. „Unsere Naturtrainerin Maria Pimpertz hat uns gut mit Plakaten vorbereitet.“ Zu den Nabu-Mitgliedern gehörten Manfred und Dietmuth Niehaus, beide über 80 Jahre alt. „Für Dietmuth war es nach einem Protest gegen den Ausbau des Mönchengladbacher Flughafens vor Jahren die zweite Demonstration in ihrem Leben“, so Monica Sandrock. Sie und ihr Mann Jack spüren nach der Veranstaltung Rückenwind für den Naturschutzbund vor Ort. „In den vergangenen Tagen hat es einige Anrufe von Jugendlichen gegeben.“ Gemeldet habe sich eine Abiturientin, die sich vorstellen kann, eine Kindergruppe zu übernehmen. „Wir selbst haben in den letzten Jahren keine Jugendgruppe mehr zusammenbekommen, obwohl wir Willicher eine aktiven Gruppe von rund 30 Personen sind“, sagt Sandrock. Mit der Abiturienten vom Lise-Meitner-Gymnasium ist ein Treffen vereinbart worden.

Gemeldet hat sich auch die Leiterin des Schiefbahner Jugendtreffs. „Dort interessiert man sich für Wildbienen-Hotels.“ Nabu-Fachmann Harry Abraham hat Kontakt dorthin aufgenommen. Das Jugendheim „Hülse“ möchte Nistkästen bauen.

Besonders freut Sandrock die engagierte Mitarbeit von Schülerpraktikanten wie Fabian, der ebenfalls das Lise-Meitner-Gymnasium besucht. Oder von Sarah, die zurzeit ein freiwilliges ökologisches Jahr macht. Von Oktober bis April trifft sich die Willicher Gruppe im Begegnungszentrum Krumm, Hülsdonkstraße 203, jeden letzten Donnerstag im Monat, um 19.30 Uhr. Kontakt-Telefon: 02154/70 279.

Regelmäßige Treffen der Nabu-Gruppe Tönisvorst

„Der Trend ist angekommen. Auf dem Apfelfest in Vorst hatten wir viele Anfragen zu unserer Arbeit“, sagt Reimer Martens vom Nabu Tönisvorst. Gerade habe sich ein junger Mann gemeldet, der in der Gruppe mitarbeiten möchte. Martens möchte Wissen künftig noch direkter vermitteln. „Ich biete Gartenbesitzern Hausbesuche an, mache eine Bodenschnellanalyse, berate zu Gehölzen und Pflanzen, gebe Infoblätter in die Hand.“ Eine Terminvereinbarung genügt. Die Nabu-Gruppe Tönisvorst trifft sich an jedem letzten Dienstag im Monat um 19.30 Uhr in der Grundschule Hülser Straße in St.Tönis. Themenschwerpunkte sind Streuobstwiese und Musterbongert, Hecken- und Vogelschutz oder Wildblumenwiese. Interessierte sind willkommen. Ansprechpartner Reimer Martens ist erreichbar unter Tel. 02151/994263. E-Mail: r_a_martens@web.de

Umweltschutz ohne
Luft(ballon)nummer

Zum Schluss noch eine Nachfrage an Schulen, hier stellvertretend das Lise-Meitner-Gymnasium. Wozu führt dort der Klimaschutz- und Nachhaltigkeits-Gedanke konkret? „Die Schüler sind total sensibilisiert“, sagt der stellvertretende Schulleiter Markus Klemt. Der Sog der „Fridays for Future“-Bewegung sei erkennbar, nun heiße es, ihn sinnvoll, aber nicht nur auf Unterrichtsebene zu kanalisieren. LMG-Schüler hatten bereits den Anstoß dazu gegeben, auf das Steigenlassen von Luftballons zur Einschulung der Fünftklässler zu verzichten und stattdessen einen Baum auf dem Schulgelände zu pflanzen. „Darauf haben auch viele Eltern positiv reagiert“, so Klemt. „Uns wurde guter Zeitgeist beschieden.“ Der Förderverein biete Mehrweg-Glasflaschen an, damit auf Plastikflaschen verzichtet werden könne. „In unserer Mensa haben wir einen Wasserspender, an dem Schüler Flaschen auffüllen können.“ Das Michael-Ende-Gymnasium in St. Tönis hatte kürzlich einen Wasserspender im Schulzentrum aufgebaut.

Ob auch im Bereich der AG „Jugend forscht“, die sich am Lise-Meitner stark engagiert, der Aspekt Klimaschutz künftig besonders intensiv von den Jugendlichen in den Blick genommen wird, wusste Klemt noch nicht abzusehen: „Das Schuljahr ist noch jung, alles befindet sich noch in der Anlaufphase.“ Sicher aber sei es, dass „wir das Thema Klimaschutz nicht mehr von unserer Agenda nehmen“.