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Auschwitz und die Angst vor dem Vergessen

Auschwitz und die Angst vor dem Vergessen

Vier Schüler des Michael-Ende-Gymnasiums sprechen über ihren Besuch im Konzentrations- und Vernichtungslager.

Tönisvorst. Vor drei Jahren hat sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung dafür ausgesprochen, dass jeder Schüler ab der neunten Klasse verpflichtend eine KZ-Gedenkstätte besucht. „Theorie und Unterricht sind die eine Sache, das konkrete Erleben vor Ort, die plastische Anschauung die andere“, sagte er damals. In den Schulen müsse das Thema präsent bleiben. Solche Pflichtbesuche wurden unlängst erneut diskutiert.

Auschwitz und die Angst vor dem Vergessen
Foto: Talea Grootenhuis

15 Schüler des Michael-Ende-Gymnasiums haben die Erfahrung des konkreten Erlebens gerade gemacht. Wenige Monate vor ihrem Abitur haben sie bewusst und freiwillig auf unterrichtsfreie Tage eines verlängerten Karnevalswochenendes verzichtet und sind nach Oswiecim gereist.

Auschwitz und die Angst vor dem Vergessen
Foto: Paula Risse

Die Stadt in Polen, zu deutsch Auschwitz, 50 Kilometer entfernt von Krakau gelegen, wird weltweit in einem Atemzug mit dem Konzentrationslager I und dem Vernichtungslager Birkenau (Auschwitz II) genannt.

Von Freitag bis Dienstag absolvierten die 17- und 18-Jährigen ein dichtes Studienprogramm (siehe Info-Kasten). Das Erlebte hat sie gefordert, aufgewühlt, verstört, verbunden, verändert.

Carolin Münster

„An den ersten drei Tagen hat mich das erst gar nicht so berührt“, erzählt Carolin Münster. Doch der Montag, an dem sich einige Schüler gemeinsam Steven Spielbergs Film „Die letzten Tage“ angesehen hatten, habe sie dann plötzlich emotional gepackt. „Nach dem Film wurde die Grausamkeit vermenschlicht.“

Geweint habe sie erst zu Hause. „Als ich wieder in meinem Zimmer stand. In dieser vertrauten, aber so anderen Welt. Da ist mir das komplett bewusst geworden.“ Das Zimmer sei immer noch ihr Zimmer gewesen. „Es hat sich nicht verändert. Aber ich habe mich verändert.“ Ein Reifeprozess in fünf Tagen.

David Wirth, begleitender Lehrer, über die Emotionalität nach der Studienfahrt-Erfahrung

Plötzlich zurück im Schulalltag, mitten im wuseligen Schulflur-Gerede übers Feierwochenende, suchen die Schüler der Studienfahrt immer wieder Nähe zueinander. Untereinander fühlen sie Verständnis für jede Form von Verarbeitung ihrer Tage in Oswiecim und der nahen Lager.

Talea Grootenhuis hat sich bei aller intensiven Vorbereitung nicht vorstellen können, „wie riesig das Lager war“.

Paula Risse war vor Ort krank, nahm die Anstrengung des Programms aber auf sich. „Da realisiert man noch mehr, wie es schlecht es den Häftlingen unter den Bedingungen dort gegangen ist.“

Oswiecim hat sie als stillen Ort empfunden. „Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Läden schon geschlossen hatten, als wir dort waren.“ Früher lebten Tausende Juden dort. „Heute nicht mehr“, sagt Jan Lucas Strump. Es gebe noch eine aktive Synagoge, die aber eher als Ausstellungsort und Begegnungsstätte genutzt werde.

Das Stammlager Auschwitz I sei von „Touristen überfüllt gewesen“, erzählen die Schüler. Beeindruckt zeigen sich die jungen Tönisvorster von den Ausstellungen verschiedener Nationen in der Gedenkstätte. Jan Lucas erzählt von der Installation der Franzosen. Sie spielen Zug-Geräusche ab und setzen Schattenbilder ein, etwa von einem SS-Mann und einem Häftling, der auf dem Boden liegt. „Manchmal wurde mein eigener Schatten Teil des Bildes, so als ob ich auf dem Liegenden stehen würde“, sagt Jan Lucas. „1,2 Millionen Ermordete — diese Dimension erfasst man nicht“, sagt er.

Sie erfasst die Schüler aber beim Anblick von 50 Kleiderständern hinter Stacheldraht, die mit Häftlingsanzügen überzogen sind. Sie vermitteln trotz ihrer Unbeweglichkeit den Marsch einer Menschenmenge, zumal die Wand im Hintergrund aus fotografierten Gesichtern besteht.

Die Szene hat Talea besonders gepackt. Paula hat das Zitat eines Mädchens tief berührt: „Es hatte Angst, dass seine Puppe deportiert wird.“ Und dann erzählt sie von dem Entkleidungszimmer, der dahinter liegenden Gaskammer und dem Krematorium — „ich kann heute einfach so hindurchgehen“, sagt sie im Gedenken an die Menschen, für die genau an dieser Stelle das Leben endete.

Auschwitz ist für Paula ein „historischer Ort“. Sie ist froh, die Erfahrung gemacht zu haben. „Die Tage hatten Auswirkung auf meinen Charakter. Sie haben mich realistischer gemacht. Aber auch glücklicher“, sagt sie. „Ich weiß um meine Lebenschance, um das Glück, das wir in unserem geschützten Leben haben.“

Während Paula nicht mehr nach Auschwitz fahren möchte, würde Talea wieder hin, „mit ausgewählten Leuten“. Sie würde trotz der Anstrengung und Beanspruchung in den Studienfahrttagen keinen einzigen Programmpunkt, keine Gesprächsrunde, keine Besichtigung, kein Thema auslassen wollen. „Ich hätte aber gerne ein, zwei Tage danach frei gehabt, um das besser zu verarbeiten.“ Sich anderen, nicht Mitgereisten mitzuteilen, fällt ihr schwer. Manchmal will sie alles erzählen, dann macht sie sofort zu, zieht sich zurück.

Lehrer David Wirth, der bereits zum fünften Mal im Stammlager war, kennt die Facetten der Verarbeitung: „Die Intensität der Erlebnisse führt dazu, dass sich die Mitteilungsschleuse manchmal nicht mehr schließen lässt. Ich könnte manchmal Stunden darüber reden.“ Jeder müsse seinen eigenen Weg finden, sich den Dingen zu stellen. „Diese Gruppe hat jede Emotion zugelassen.“ Jetzt müssten die Schüler sich damit auseinandersetzen, dass es zu einer „Umbewertung des Alltags“ kommen kann. „Eine hohe Sensibilität bricht auf.“

Die spürt auch Jan Lucas. „Ich bin eigentlich der historische Typ, habe aber gemerkt, wie viel sensibler ich wurde, auch in meiner Wortwahl. Ich habe beispielsweise nur noch von Tour-Guide und nicht mehr von „Führer“ gesprochen. Es ist die Angst, nicht respektvoll genug zu sein.“

Von ihrem Gespräch mit dem Zeitzeugen Prof. Waclaw Dlugoborski, einem ehemaligen politischen Gefangenen, der kein Jude, aber im polnischen Widerstand aktiv war, nehmen die Michael-Ende-Schüler mit, dass für ehemalige KZ-Insassen die Angst vor dem Vergessen mittlerweile am größten ist.

Und dass sie persönlich als Zweitzeugen nun dafür sorgen sollen, dass die Erinnerung an den Terror und den Ort der systematischen Ermordung der europäischen Juden nicht verblasst. „Nicht vergessen“ — das hilft auch bei der Verarbeitung. Eine Erkenntnis, die Talea für sich gezogen hat: „Die Menschen nicht vergessen — dann kann ich mit dem Ort klarkommen.“

Während der Reise, sagt Carolin, „habe ich Fotos von mir gemacht. Ich wollte wissen, ob sich mein Gesichtsausdruck verändert, ob ich trauriger werde“. Ihre Fotos bilden nicht ab, wie sie sich verändert hat. Ihr Reife-Prozess ist äußerlich unsichtbar.

Jan Lucas spricht sich übrigens dafür aus, dass jede Schule solche Studienfahrten anbieten sollte. „Aber der Besuch sollte auf freiwilliger Basis sein.“