Wenn Sorge um die Familie quält

Das Aussetzen des Familiennachzugs macht geflüchteten Menschen, die in Kempen leben, zu schaffen. In ihrer Heimat sind die Frauen allein auf sich gestellt.

Kempen. Familie Mohammad ist in Kempen wieder vereint. Vater, Mutter und die beiden Kinder (13 und 11 Jahre alt) strahlen. Sie haben Schreckliches in ihrem Heimatland Syrien erlebt. Nun können sie wieder ein normales Leben führen.

Als Christen hatten sie immer friedlich mit ihren Nachbarn zusammengelebt. Ihr Leben sei perfekt gewesen. Doch dann kam der Bürgerkrieg und mit ihm die Angst. Karim Mohammad entschied sich zur Flucht. Über den Libanon, die Türkei, Bulgarien, Ungarn und Österreich kam er im Februar 2015 nach Deutschland — und hier schließlich nach Kempen. Viele Gefahren und nächtliche Wanderungen bei Eiseskälte hat er auf sich genommen.

Er bekam eine Anerkennung als Schutzberechtigter für drei Jahre. So konnte er seine Familie nach Deutschland holen. Doch bis es soweit war, vergingen viele Monate. Erst musste er selbst acht Monate auf seine Anerkennung warten, dann dauerte es sechs Monate, bis die Familie einen Termin in der deutschen Botschaft im Libanon erhielt und weitere sechs Monate bis zum Bescheid. Eine Zeit des Bangens.

Zahra Mohammad (36) war Lehrerin in Syrien. Sie arbeitete und kümmerte sich in dieser Zeit allein um die Kinder. Und lebte Tag für Tag mit der Angst. Nun ist die Familie glücklich in Kempen angekommen. Karim Mohammad ist gelernter Zahntechniker und hat eine Vollzeitstelle gefunden. Dank der er eine Wohnung bezahlen kann, die groß genug ist für die vierköpfige Familie.

Hassan kann zurzeit nur hoffen, dass er seine Familie bald wiedersehen kann. Auch er kam aus Angst vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Seit zweieinhalb Jahren ist er hier. Er ist aber nur ein „subsidiär Schutzberechtigter“, das heißt, sein Status wird immer nur um ein Jahr verlängert. Seine Familie darf er nicht nachholen. Diese lebt im Nord-Osten Syriens in ständiger Angst und muss einige Entbehrungen in Kauf nehmen. Für den 37-jährigen Familienvater ist das nur schwer zu ertragen.

In Deutschland absolviert der gelernte Jurist nun Integrationskurse — auch wenn die Konzentration darauf nicht immer leicht fällt. Danach geht er arbeiten, um Geld zu verdienen, das er seiner Familie schickt. Trotzdem fehlt es oft am Nötigsten. So gab es zum Beispiel drei Monate lang keinen Zucker und seine kleine Tochter hat geweint. „Wenn ich hier Zucker sehe, denke ich an meine Tochter“, sagt der Vater. Aber auch Heizung, Schulunterricht, sauberes Trinkwasser — das alles ist in der Krisenregion nicht selbstverständlich. Seine Frau muss allein für die fünf Kinder sorgen und um die Existenz der Familie kämpfen. Kontakt können sie nur selten aufnehmen.

Die Geflüchteten sind dankbar für die Hilfe, die sie in Deutschland erfahren und wollen etwas zurückgeben. So hat Hassan in einer Flüchtlingsunterkunft in Kerpen eine Aktion organisiert, bei der Flüchtlinge Blut spendeten und das Geld dafür eine Flüchtlingshilfeorganisation weitergaben.

Aber ohne Familie ist die Integration hier nur schwer möglich. Die Sorgen und die Zweifel, ob die Flucht ohne Frau und Kinder richtig war, treiben ihn um. Immer wieder gehen Freunde, die die teure und lebensgefährliche Flucht auf sich genommen haben, zurück, weil sie diesen Kummer nicht aushalten können. Und bringen sich selbst in Gefahr.

Sein Bruder, sagt Karim Mohammad, könne nicht mehr vor die Tür gehen. Würde man ihn entdecken, würde er zur Armee eingezogen — egal, für welche Seite er kämpfen müsste, er wäre bald tot. Da ist sein Bruder sicher. Der Geheimdienst und Assads Folterkammern sind gefürchtet. Daher sind die Namen in diesem Artikel auch geändert. Noch immer fürchten sich die Menschen vor Repressalien, die ihnen und ihren Familienangehörigen in Syrien drohen könnten.

Monika Schütz-Madré

Gisela Saur und Monika Schütz-Madré vom Arbeitskreis Asyl hatten zum Pressegespräch geladen, in dem die Geflüchteten ihre Situation schilderten. Sie wollen anlässlich des Weltfrauentages am heutigen 8. März auf die Lage der syrischen Familien und der Auswirkungen der „Aussetzung des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten“ hinzuweisen. „Mir imponieren immer wieder die Gelassenheit und die Stärke der Frauen. Sie haben viel Schreckliches erlebt und trotzdem noch ein Lächeln in den Augen — das finde ich erstaunlich“, sagt Monika Schütz-Madré.

Kritik am „Aussetzung des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten“ kommt unter anderem vom Deutschen Kinderhilfswerk. Es hat ein Rechtsgutachten erstellen lassen, das durch das Gesetz zur Verlängerung der Aussetzung des Familiennachzugs mehrere Grund- und Menschenrechte verletzt sieht. Auch die Begrenzung des Familiennachzugs auf 1000 Personen im Monat sei mit Grund- und Menschenrechten, insbesondere dem Kindeswohl, nicht vereinbar. Daran ändere auch der Verweis auf die Härtefallklausel nichts.