So entwickelt sich der Handel am Wehrhahn

Einkaufsstraße : Nach jahrelangem Baustellenärger blüht der Handel am Wehrhahn auf

Fast zehn Jahre lang litten Händler unter dem Bau der Wehrhahnlinie. Heute entwickelt sich die Verlängerung der Schadowstraße zu einer neuen Bummelmeile mit abwechslungsreicher Gastronomie.

Es ist Mittagszeit. Vor dem Baba Green, einem orientalischen Imbiss, der „Soul food“ für Zwischendurch verspricht, hat sich eine lange Schlange gebildet. Männer in Anzügen, Mädchen mit bedruckten Jutebeuteln und eine kleine Reisegruppe versperren den in Richtung S-Bahnhof strömenden Passanten den Weg. Nebenan auf der Terrasse der Bäckerei „Brot-Kino“ sitzen Senioren bei Plunderteilchen und Milchkaffee, an der Ecke Oststraße stehen Schüler für einen türkischen Dürüm an.

Nichts erinnert heute noch an Baustellenlärm, Zäune und schwere Maschinen, die während des Baus der U-Bahnlinie das Bild Am Wehrhahn dominierten. Wie an kaum einer anderen Stelle der Strecke hatte eine Vielzahl von Einzelhändlern und Restaurantbetreibern am Wehrhahn unter dem Bau gelitten. Weil in ihrer Nachbarschaft das östliche Ende des Tunnels liegt und zugleich die quer verlaufende Strecke der Deutschen Bahn die Flächen einschränkt, standen am Wehrhahn Maschinen und Material, die zeitweise die Sicht auf Schaufenster und Eingänge komplett verdeckten.

Läden wie das orientalische Baba Green (links) oder das mexikanische Chidonkey, das die Straße runter in Richtung Kaufhof liegt, sind mittags gut gefüllt. Foto: Ines Arnold

Nach acht Jahren Bauzeit ging die Wehrhahnlinie im Februar 2016 in Betrieb, doch längst waren nicht alle Baustellen damit verschwunden. Nicht alle Geschäftsleute überstanden diese schwierige Phase. Läden wie „Das Schuhparadies“, „Buch am Wehrhahn“ oder „Pro Büro“ (davor Kammann) gaben während der Bauphase auf.

Vielfältiges Gastroangebot lockt Pasanten auf den Wehrhahn

Der Bastelladen „Hobbymade“ hat durchgehalten. „Es war eine harte Zeit“, erinnert sich Filialleiterin Nadine Rütten. Starke Umsatzeinbußen habe es gegeben, existenzbedrohend seien sie aber dank ihrer Stammkunden und besser laufender Hobbymade-Filialen in anderen Städten nicht gewesen. Seit der Eröffnung der Wehrhahn-Linie gehe es wieder bergauf. Die Haltestelle Pempelforter Straße liegt in der Nähe des Bastelgeschäfts und bringt neue Kunden herein, die das Bastelgeschäft vorher nie wahrgenommen haben. „Ganz oft hören meine Mitarbeiterinnen den Satz: Seit wann gibt es Sie denn hier?“, sagt Rütten.

Zeitgleich mit dem Abschluss der letzten Verschönerungsarbeiten öffnete Student Mükremin Demir das Café Kyto am Wehrhahn 42. „Der Wehrhahn hat sich komplett gewandelt und entwickelt sich immer mehr zur Foodmeile“, sagt er. Früher habe es neben McDonalds und Anadolu kaum Gastronomie gegeben. Heute sei das Angebot an italienischer, türkischer, vietnamesischer, orientalischer und sogar mexikanischer Küche vielfältig – und motiviere Passanten, die Schadowstraße in Richtung Wehrhahn weiterzugehen.

Für Demir ist das eine durchaus positive Entwicklung, von der auch sein Geschäft profitiert. „Die Leute gehen beim Vietnamesen nebenan essen und holen sich danach bei uns einen Kaffee“, sagt er. Und auch die Einzelhändler profitieren laut Demir. „Zur Mittagszeit platzt der Wehrhahn aus allen Nähten. Die Leute kommen natürlich auch an den anderen Läden vorbei.“

Darauf hofft auch Said Belga, der zum 1. Juli das Geschäft „Blumen Salzmann“ von Klaus-Jürgen Greb übernommen hat. Greb war 20 Jahre lang Geschäftsinhaber, bevor er in den Ruhestand ging. Belga renoviert den Laden gerade, „schafft eine neue Raumstruktur, legt Fliesen, verbreitert den Mittelgang. Erst hatte er vor, einen orientalischen Kräuter-Basar mit Naturkost- und Naturkosmetik-Produkten zu eröffnen, doch mit dem benachbarten Bioladen befürchtete er zu starke Konkurrenz. Nun hält Belga erst einmal am Blumenkonzept fest. „Aber mal sehen, was noch passiert“, sagt er.

Auch das ehemalige Wehrhahncenter, das seit dem Kauf der Alstria office Reit-AG unter dem Namen „Momentum“ vermarktet wird, soll Ende des Jahres belebt werden. 2016 begann der Investor damit, bis auf die tragende Substanz alles zurückzubauen. In den oberen Etagen wurden bereits Büros bezogen, im Erdgeschoss ist aber aktuell ausschließlich Discounter Netto geöffnet, die anderen Lokale stehen noch leer.

Laut Sprecher Philip Angrabeit sind aber sämtliche Einzelhandelsflächen bereits vermietet oder stehen kurz davor. „75 Prozent des Hauses wurden bereits bezogen. Momentan werden noch einige Restflächen nach individuellen Mieterwünschen ausgebaut“, so Angrabeit. Ende dieses Jahres, spätestens Anfang 2020 werde eröffnet. Und das bedeutet: Das gesamte Erdgeschoss mit Einzelhandels- und Gastronomieflächen ist dann bezogen. Wer einzieht, darf Angrabeit im Hinblick auf das Vertragsrecht allerdings nicht mitteilen.

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