Anne-Sophie Mutter: Im Glanz der Solovioline

Anne-Sophie Mutter: Im Glanz der Solovioline

Konzertkritik: Anne-Sophie Mutter mit Moderne und Romantik in der ausverkauften Tonhalle.

Düsseldorf. Wenn Anne-Sophie Mutter das Podium betritt, scheint ein elegantes Funkeln den Saal zu beglänzen. Aufrechte Gang, füllig und perfekt geföntes langes Haar, das figurbetonte in blassblauen Mustern changierende Kleid und die geistvoll-selbstbewusste Ausstrahlung ergeben eine bezwingend leuchtende Aura. Die weltberühmte Geigerin, die als junge Musikerin noch unter Herbert von Karajan Furore machte, umgibt bis heute der Starappeal der ganz Großen. Bei ihrem Konzert mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter Leitung von Michael Francis in der Tonhalle stellt sie nun unter Beweis, dass sich hinter der illustren Außenwirkung entsprechend hochkarätiges Künstlertum verbirgt.

Gleich mit zwei Solokonzerten ist sie zu erleben: mit dem romantischen 1. Violinkonzert g-Moll von Max Bruch sowie einem modernen, ihr gewidmeten Opus für Violine und Orchester des amerikanischen Komponisten Sebastian Currier (geboren 1959), der an dem Abend persönlich anwesend ist. „Time Machines“ heißt das Stück, das erst im vergangenen Juni in New York mit Anne-Sophie Mutter als Solistin uraufgeführt wurde. Das Themenmaterial durchläuft sieben verschiedene Zeitebenen — von der „verzögerten Zeit“ bis zur „verdichteten Zeit“. Anne-Sophie Mutter, die sich seit vielen Jahren für Neue Musik engagiert, präsentiert die Kontraste in all ihren Nuancen. Los geht es mit gezackten, tremoloartigen Figuren und endet in sanften Bögen. Die Geigerin bewegt sich auf jeder Klangebene absolut sicher und bringt in die Interpretation noch ihre starke Persönlichkeit ein.

Die Moderne gilt aufgrund ihrer dissonanten, sich nie ins Reine auflösende Harmonik als schwer zugänglich. Auch Curriers Violinkonzert fordert den Hörer, obwohl das immer wiederkehrende Themenmaterial eine gewisse Orientierung bietet. Vor allem aber ist es Anne-Sophie Mutters suggestives, edel klingendes Violinspiel, das alles in einen feinen Glanz taucht und großen Hörgenuss verbreitet. Noch schöner aufblühen kann die Stradivari freilich im Bruch-Konzert, das Mutter mit schillernden Klangfarben illuminiert — vom irisierenden Spitzenton bis zur bronzen glühenden, bisweilen kunstvoll angerauten tiefen Lage. Das RSO Stuttgart musiziert derweil wunderbar transparent, dynamisch und sauber. Geleitet, von dem jungen englischen Dirigenten Michael Francis gewinnt es Qualitäten großer britischer Orchester, was sich besonders in der analytisch klaren und zugleich einfühlsamen Darbietung von Charles Ives „Three Places in New England“ niederschlägt.

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