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Sir Neville Marriner: Klangvolles Ende einer Ära

Sir Neville Marriner: Klangvolles Ende einer Ära

Sir Neville Marriner verabschiedet sich als Chef der Academy of St Martin in the Fields. Das Publikum dankt ihm mit viel Applaus.

Düsseldorf. Seit Jahrzehnten gastiert der britische Dirigent Sir Neville Marriner mit der 1958 von ihm gegründeten Academy of St Martin in the Fields in der Tonhalle. Er ist Garant für noble Konzertkultur, feinstes Zusammenspiel der Orchesterinstrumente und musikalische Dynamik.

Wenn eine Ouvertüre prickelt wie Champagner, dann ist nicht selten Sir Nevilles Taktstock im Spiel. Und nun soll Schluss sein. Der 87-Jährige verabschiedet sich — zumindest offiziell — als Chef seines durch ihn zu Weltruhm gelangten Klangkörpers. Er tut dies unsentimental mit vitalen Stücken von Glinka, Mendelssohn und Dvorák und dirigiert agil als habe er auf dieser Welt noch viel vor.

Als Hauptwerk hat sich Marriner Dvoráks Symphonie „Aus der Neuen Welt“ ausgesucht, einen Reißer, zu Recht ganz oben auf der Beliebtheitsskala des Klassik-Publikums. Diese Symphonie hat alles, was Musikhören zum Erlebnis werden lässt: herzbewegende Melodien, gehaltvolle Harmonik und einen brillanten Orchestersatz. Gefährlich ist nur eine gewisse Abgedroschenheit.

Die Themen sind so bekannt, dass mancher Besucher Déjà-vu-Erlebnisse bekommen kann. Es sei denn, die Darbietung besitzt jenen Grad an Profil und wahrhaftigem Gefühl, bei dem der Hörer den Eindruck bekommt, als höre er alles neu. Von solcher Charakterstärke ist die Musizierweise der Academy. Vor allem das melancholische Largo mit seinem Englischhorn-Solo zog in den Bann.

Dabei ist Marriner gar nicht mal der klassische Pultmagier, sondern ein adretter grauhaariger Herr, der keinerlei Showeffekte nötig zu haben scheint. Die Zeichengebung wirkt schlicht, aber der Blick beim Dirigieren ist hellwach und zeugt davon, wie genau er seine Musiker im Visier hat. Entsprechend kontrolliert und präzise musiziert die Academy. Wie im Finalsatz ein Kulminationspunkt erreicht und wieder verlassen wird, wie Tempo und Dynamik in einer wundervollen Phrase zurückgenommen werden — das ist große Kunst.

Auf dem Programm steht auch das 2. Klavierkonzert von Mendelssohn Bartholdy, mit Ragna Schirmer als Solistin. Die Pianistin hat einen feinen Anschlag, der klangschön im langsamen Mittelsatz zur Geltung kommt. Das Ereignis des Abends ist aber das Dirigat Marriners, der stehende Ovationen entgegennimmt und sich mit einer britischen Zugabe bedankt: einer Orchesterversion des Liedes „Danny Boy“, auch bekannt als irische Hymne „Londonderry Air“.