Musik-Rückblick 2009: Alles Gaga, oder was?

Musik-Rückblick 2009: Alles Gaga, oder was?

2009 bot verzerrte Stimmen, vollschlanke Models und die Rückkehr des Glamour. Was wichtig war, in Schlaglichtern.

Peter Fox: "Klappe zu, Stadtaffe lebt!" Mit diesen Worten endete vor zwölf Monaten unser Rückblick 2008. Und in der Tat, das urbane Primatenwesen, das Seeed-Frontmann Peter Fox für sein Solo-Debüt erfunden hatte, begann erst mit Beginn dieses Jahres richtig durchzustarten.

Keine Platte hielt sich 2009 länger auf Platz eins oder verkaufte sich besser. Das "Haus am See" ist binnen eines Jahres zum regelrechten Volkslied mutiert, die wichtigsten Preise der Branche ("Echo", "Comet", "EinsLive Krone") wurden Fox palettenweise hinterher geschmissen. Der 38-Jährige hat einfach alles richtig gemacht. Wirklich alles!

Gossip: 1,55 Meter klein und sperrige 95 Kilo schwer ist Beth Ditto - da lagen die Wortspiele auf der Hand: "Pfundiger Pop" sei ihre Musik, "kiloweise Hits" liefere das Album "Music For Men". Bislang eigentlich eine verschrobene Indie-Punk-Band für nischenbewusste Pop-Besessene, mauserte sich Dittos Band Gossip 2009 zum Massenphänomen.

Der plötzliche Zuspruch könnte mit den öffentlichkeitswirksamen Auftritten der 28-Jährigen zusammenhängen, beispielsweise mit ihrer Dauerpräsenz auf internationalen Mode-Events, quasi als Gegenentwurf zur Magermodel-Misere auf den Laufstegen.

Dass die 28-Jährige damit keinen Sinneswandel heraufbeschwört, sondern eher als fesch vermarktbares Feigenblatt einer nach wie vor oberflächlichen Branche agiert, ist ihr bewusst. Als eingefleischte Rampensau genießt sie einfach das mediale Interesse an ihrer Person, das ihr bizarrerweise in ihrer Heimat, den USA, bislang versagt blieb.

Lady Gaga: Zur neuen Madonna wurden schon viele ausgerufen, herangereicht hat letztlich aber niemand. Nun ist es in einem Jahr, in dem eine Newcomerin wie Lady Gaga so nonchalant Charts, Boulevardmedien, Modebranche und selbst die Feuilletons im Griff hatte, eigentlich keine Meisterleistung, erneut den überstrapazierten Vergleich mit der Queen of Pop herbeizureden.

Allerdings waren die Vorzeichen für einen Wachwechsel noch nie so eindeutig wie im Falle der 23-jährigen Stefani Germanotta, die sich für ihre Karriere als singendes Gesamtkunstwerk einen Namen gab, der so ballaballa ist, dass er schon bald in aller Munde war. Innerhalb von zwölf Monaten ist Lady Gaga zu einem Inbegriff für puren Pop geworden.

Sie erfrischt mit dekadenter Offensichtlichkeit, ihr Debütalbum nannte sie prophetisch "The Fame" (Der Ruhm). Darauf finden sich Songs, simpel und eingängig, als hätte jemand eine Formel für Ohrwürmer entwickelt und sie in Stein gemeißelt. Mit "Poker Face" saß die Lady so lange wie niemand sonst seit elf Jahren auf Platz eins. Madonnas Start war verhaltener.

Mando Diao: Mit "Give Me Fire" und der Single "Dance With Somebody" sind die fünf Schweden von Mando Diao 2009 endgültig im Mainstream angekommen. Ob auf Mallorca oder in Großraum-Diskos - von überall her schallten die rauen Stimmen des Frontmann-Duos Dixgard/Norén.

Der Erfolg ist verdient: Mando Diao ist eine der wenigen Bands, die mit (fast) jedem ihrer Songs einen unwiderstehlichen Sinn für wunderbare Melodien beweisen und jedem ihrer Alben eine andere Klangfärbung geben. Ihr diesjähriger Dreh an der Diskokugel reizte jeden Bewegungsreflex, der im menschlichen Körper zu finden ist.

Michael Jackson: Plötzlich erinnerten sich wieder alle daran, wie es war, als sie zum ersten Mal das vertrackte Intro von "Billie Jean" hörten und dass es seit Michael Jacksons beruflichem Niedergang Mitte der 90er-Jahre keinen Star mehr gegeben hat, der so selbstverständlich globale Massenhysterie hervorrufen konnte.

Jacksons Leben seit 1997 war ein Spießrutenlauf. Von Schönheits-OPs entstellt und mit dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs konfrontiert, geriet sein musikalisches Vermächtnis in Vergessenheit. Sein Tod am 25.Juni2009 in Folge einer Fehlmedikation manifestierte dann die Lücke, die er bereits zu Lebzeiten gerissen hatte. Er starb, wie er gelebt hat - als unerklärliches Massenphänomen.

Blackeyed Peas: Daran, dass man bei den Black Eyed Peas nicht auf die Texte achten darf, hatte man sich spätestens seit "My Humps" (2005) gewöhnt. Dass empfindliche Ohren allerdings auch die Musik anstrengend finden könnten, diese Schwelle übertrat das kalifornische Krawall-Pop-Quartett mit seinem fünften Album "The E.N.D.".

Jeder Song darauf eine nervös-verdrehte Party-Hymne mit Vocoder-Verzerrung. Allerdings immens erfolgreich. Alleine in den USA belegten sie mit ihren ersten beiden Single-Auskopplungen 26Wochen am Stück die Spitzenposition der Charts.

Depeche Mode: Das ließ Großes erhoffen. Als im April mit "Wrong" der Vorbote ihres neuen Albums erschien, war klar: Das ist die beste Depeche-Mode-Single seit "Useless" (1997). Vielleicht sogar seit "Enjoy The Silence" (1990). Doch der dazugehörige Longplayer "Sounds Of The Universe" enttäuschte mit elektronischer Einsilbigkeit. "Wrong" stach aus diesem Synthie-Brei heraus wie ein in Chrom glänzender Gedenkstein an bessere Zeiten.