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Kirchen in NRW: Auferstehungskirche in Essen: Und es ward Licht im Südostviertel

Kirchen in NRW : Auferstehungskirche in Essen: Und es ward Licht im Südostviertel

Die Auferstehungskirche gilt als einer der vier Leitbauten modernen Kirchenbaus in Europa. Ihr Modell ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin ausgestellt. Das Original steht in Essen, wurde nach den Plänen von Otto Bartning gebaut und trägt im Volksmund den treffenden Namen „Torte“. Ein optischer und akustischer Genuss.

Essen. Wir befinden uns im Südostviertel der Ruhrmetropole Essen, in Schlagweite das Sozialamt und die Realschule West. Eine Gegend, wie es sie zwischen Duisburg und Dortmund zu Dutzenden gibt, Ruhrpott halt, spröder Charme. Vorbei an einem Hochbunker noch ein Rundbau. Eine Hochzeitstorte. Die Auferstehungskirche in Essen gilt als einer der vier Leitbauten modernen Kirchenbaus in Europa. Ihr Modell ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin ausgestellt, als herausragender protestantischer Kirchbau.

Und wer seinen Fuß in die Torte — so hieß sie im Nachkriegsdeutschland lange Zeit im Volksmund — setzt, der versteht auch sehr schnell, warum. Wer um den Mut und Innovationsgeist Otto Bartnings weiß, wundert sich freilich nicht.

Der Architekt hatte seinerzeit den Zuschlag bekommen. Damals, 1929/1930, mitten in der Weltwirtschaftskrise, hatte die Essener Gemeinde ihren Mitgliedern schon genug darüber zu erklären, warum ausgerechnet jetzt ein Kirchenbau notwendig ist. Und dann auch Bartning, der hier seine Vision der expressionistischen Sternkirche umsetzen wollte. Was haben sie geschimpft damals in Essen. Von einem Zirkuszelt war die Rede, sogar von einem Seelen-Gasometer. Und dann gibt es da noch die Geschichte von dem Brief eines Gemeindemitgliedes an den Pfarrer. In dem gratuliert er zum neuen Zirkus und freut sich bereits, den Pfarrer am folgenden Sonntag im Clownskostüm sehen zu können.

Die Auferstehungskirche und die evangelischen Gläubigen im Essener Südostviertel, es ist eine Liebe auf den zweiten Blick.

Das empfindet der neutrale Besucher ganz anders. Nur wenige Schritte und er ist mittendrin in einer Atmosphäre, die entscheidend von der Rundbauweise geprägt wird. Kein langes Kirchenschiff, ein Ort der Kommunikation, auf die Mitte ausgerichtet. Schlicht, errichtet in Skelettbauweise aus Kruppstahl, betonummantelt, Durchmesser und Höhe von etwa 30 Metern. Die Sitzbänke sind im Halbrund angeordnet, die Empore bietet eine zweite Ebene, insgesamt finden 700 Menschen Platz in der Auferstehungskirche. Der Mittelgang führt geradewegs auf das Taufbecken und den Altar zu. Auf den ersten Blick dominiert dunkelgrauer Putz, auf den zweiten und dritten der Zauber der Lichtspiele, die die aufwändig gestalteten Prikker-Gläser von ihren drei Ebenen auf eben jenes Grau werfen. Und auf die Bänke und den Boden. Immer wieder neu, tageszeitabhängig, wunderbar.

Auferstehung, das ist das Programm der drei Glas-Zonen im Hauptraum. Heißt, nach oben wird die Fensterkunst, natürlich ebenfalls im Rund angeordnet, heller. Insgesamt gibt es 333 Quadratmeter Fensterfläche. Im unteren Segment dominieren dunklere Töne, in der Mitte grüne kleine Riegel und gelbe Quadrate, die in der obersten Reihe das Kommando übernehmen. Bartning wollte so den Ausdruck des Ewigen in seiner Vision symbolisieren. Im Buch der Offenbarung wird das himmlische Jerusalem als „golden wie Glas“ beschrieben. Genau diese Faszination greift nach dem Besucher, der Blick geht unwillkürlich nach oben, der Körper wird gestrafft.

Gut möglich, dass in diesem Moment der zweite entscheidende Vorzug von Bartnings Konstruktion deutlich wird. Dann, wenn Kantorin Stefanie Westerteicher in die Tasten greift und die vergleichsweise kleine Orgel mit 21 Registern und zwei Werken die bemerkenswerte Akustik der Rundkirche unter Beweis stellt. Die Spanischen Trompeten entfalten klanglich eine unglaubliche Wirkung und die einzelnen Register sind so konzipiert, dass die alle Stilrichtungen von der Alten Musik über Barock bis zu moderner Musik spielen können. Wohl auch ein Grund, warum gleich eine ganze Reihe Chöre die Auferstehungskirche nutzen.

Zurück zum Taufbecken aus Kupfer von Hans Wissel, das im Zentrum des Grundrisses steht und symbolisch zum Ausdruck bringen soll, dass sich die Kirche aus der Taufe heraus entwickelt. Um die Wasserschale herum ist der Taufbefehl geprägt, der Satz aus Martin Luthers kleinem Katechismus: „Die Taufe ist nicht allein schlicht Wasser, sondern sie ist das Wasser in Gottes Gebot“ wird anschaulich. Überhaupt Luther: Pfarrer Götz-Otto Kreitz und Pfarrerin Heike Remy stehen immer mitten in ihrer Gemeinde. Auf Augenhöhe. Die Bartning-Idee schafft aus jeder Perspektive Nähe und Vertrautheit. In der so genannten „Feierkirche“, unter der Chor- und Orgelempore im Westen der Kirche, befinden sich drei figürlich besonders aufwendig gestaltete Grisaille-Fenster zum Thema „Ich bin das Brot des Lebens“.

Liebe auf den zweiten Blick, eine innige, lichtdurchflutete, kuschelige. Die Auferstehungskirche zu Essen wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und die Gemeinde bewies, dass sie längst nichts mehr zu meckern hat. Die Sanierungsarbeiten wurden weitgehend durch Spendenmittel finanziert. Egal, ob Zirkuszelt oder Hochzeitstorte, der Bartning-Bau ist in jedem Fall einen Besuch wert. Im Moment, da in Berlin eine Bartning-Ausstellung läuft, lockt die Auferstehungskirche noch mehr Menschen. Und sie sind im Essener Südostviertel sehr gern gesehen.