Studie zur Kieferorthopädie: Zahnspangen bei Jugendlichen: Zu oft, zu früh, zu lange, zu teuer?

Studie zur Kieferorthopädie: Zahnspangen bei Jugendlichen: Zu oft, zu früh, zu lange, zu teuer?

Studie zeigt Defizite bei Kieferorthopäden auf. Experten beklagen Mängel bei Patientenaufklärung.

Düsseldorf. Es gibt mehr Kinder mit als ohne: Etwa 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen eines Jahrgangs tragen eine Zahnspange. Damit ist es einer der häufigsten medizinischen Eingriffe beim Nachwuchs, stellt der Gesundheitsmonitor der Bertelsmann Stiftung fest. Und einer der längsten: Zwischen drei und sechs Jahren dauert die Behandlung in Deutschland, zeigen Studien.

Doch sind feste Brackets oder lose Klammern bei so vielen Kindern nötig? Nein, sagen die Autoren der Bertelsmann-Umfrage. Für ihre Untersuchung „Kieferorthopädische Behandlung aus der Perspektive junger Patienten und ihrer Eltern“ haben drei Forscher zusammen mit einem Kieferorthopäden Versicherte der Krankenkasse Barmer GEK befragt: 865 Kinder zwischen zehn und 14 Jahren, die vor der Befragung eine Behandlung begonnen hatten, sowie 750 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren, die vor der Befragung die Behandlung abgeschlossen hatten, sowie die Eltern.

Zunächst klingen die Ergebnisse positiv: Der „überwiegende Anteil der Jugendlichen“ sei mit der abgeschlossenen Behandlung „ohne Einschränkungen zufrieden“. 42 Prozent kreuzten „sehr zufrieden“ an, weitere 47 Prozent „zufrieden“. Nur zwei Prozent seien unzufrieden oder völlig unzufrieden gewesen.

Das freut die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO). „Das Ergebnis hat uns sehr motiviert“, sagt die Präsidentin Ursula Hirschfelder. Die Studie zeige, „dass rund 97 Prozent aller unserer Patienten mehr als zufrieden sind. Das ist ein großartiges Signal an unser Fach und auch an die kieferorthopädische Praxis.“

Doch die Autoren der Studie warnen: Ein differenzierter Blick zeige Verbesserungspotenziale für die Praxis auf. Und auch deutliche Schwächen, vor allem in der Patientenaufklärung. Denn die Umfrage ergab, dass mögliche Nachteile und Probleme der Behandlung bei 34 Prozent „eher nicht“ oder „überhaupt nicht“ thematisiert wurden. 61 Prozent der Kinder gaben an, eher nicht oder überhaupt nicht über die Möglichkeit aufgeklärt worden zu sein, sich später oder gar nicht behandeln zu lassen.

Dabei sind Ärzte und Zahnärzte laut Gesetz verpflichtet, bei der Aufklärung „auch auf Alternativen zur Maßnahme hinzuweisen“. Eine Option der Nicht- oder Späterbehandlung, kritisieren die Autoren, dürfe also nicht vom Kieferorthopäden verschwiegen werden. „Wir wissen aus der internationalen Forschung, dass es kaum Belege für mögliche Folgen einer Nichtbehandlung gibt“, sagt der beteiligte Kieferorthopäde Alexander Spassov. „Zähne, die nicht ganz gerade stehen, erhöhen nicht das Risiko für Karies oder Parodontitis. Nicht ideale Zahnstellungen sind also relativ ungefährlich.“

Bereits 2012 hatte eine ähnliche Krankenkassen-Untersuchung der norddeutschen hkk gezeigt, dass sich die Mehrheit der 435 damals befragten Familien „an keinen medizinischen oder funktionellen Grund für den Beginn einer kieferorthopädischen Behandlung erinnern“ konnte. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen sei vor der Behandlung beschwerdefrei gewesen. Auch bei der Barmer-Studie gaben die meisten Patienten an, zuvor weder funktionelle noch ästhetische Beschwerden gehabt zu haben.

Dass Zahnärzte Hauptveranlasser der Behandlung sind, sieht die DGKFO-Präsidentin nicht: „Wenn die Patienten nicht einen Anlass für das Aufsuchen unserer Praxen sehen würden, würden sie nicht kommen.“ Es sei „zwar nicht selten der optische Aspekt“, der zur Nachfrage führe. „Hinter einem optischen Problem steht aber in der Regel ein medizinisches.“ Genau das bezweifeln nicht nur die Studienautoren. Auch der Medizinethiker Dominik Groß bemängelt, dass zu wenig Studien vorliegen, die nachweisen, dass bestimmte Methoden und Behandlungen in der Kieferorthopädie medizinisch sinnvoll sind. Ebenso gebe es keine wissenschaftlichen Belege, dass eine Frühbehandlung, meist mit losen Zahnspangen, sinnvoll oder notwendig sei. „Merkantile Interessen“ in der Kieferorthopädie beklagt seit Jahren der Deutsche Arbeitskreis für Zahnheilkunde (DAZ). Vorsitzende Celina Schätze sieht das durch die Barmer-Studie bestätigt. „Es wird zu wenig ehrlich aufgeklärt, zu früh und zu lange behandelt.“ Kieferorthopäden arbeiteten oft mit „Bedrohungsszenarien“ und stellten zu viele Privatleistungen in Rechnung.

Laut der Barmer-Studie zahlten 85 Prozent der Eltern für eine oder mehrere private Zusatzleistungen im Rahmen der kieferorthopädischen Behandlung, im Schnitt rund 1200 Euro. Am häufigsten genannt wurde dabei die Professionelle Zahnreinigung. Laut Ursula Hirschfelder wollen die Kunden das so: „Die Nachfrage nach innovativen Weiterentwicklungen ist seitens der Eltern enorm.“ Spassov und seine Kollegen halten das für höchstens die halbe Wahrheit. „Bei vielen Zusatzleistungen ist kein Zusatznutzen für die Patienten belegt, etwa für spezielle Bögen oder Brackets.“

Bei einer Versichertenbefragung der DAK Gesundheit 2015 hatten 25 Prozent der 3500 Familien angekreuzt, dass ihnen keine kostenfreie Behandlung angeboten wurde. Dabei übernehmen die gesetzlichen Kassen eine Behandlung bis zum 18. Lebensjahr komplett, sobald ein bestimmter Behandlungsbedarf vorliegt (Schweregrade 3, 4 oder 5 der fünf Kieferorthopädischen Indikationsgruppen „KIG“) — bei der DAK im Schnitt 3100 Euro pro Fall. Die Forderung der Barmer-Autoren: „Die Kassen sollten die Kieferorthopäden verpflichten, eine wissenschaftlich belegte Darstellung der Vor- und Nachteile von Zusatzleistungen vorzulegen.“ Und es sei besser, von „Zahnstellungsbesonderheiten“ zu sprechen statt von „Fehlstellung“ oder „Anomalie“. Denn, so Dominik Groß, nur fünf Prozent der Bevölkerung habe ein ideales Gebiss.