Analyse: Athen kämpft gegen den Flüchtlingsstrom

Analyse: Athen kämpft gegen den Flüchtlingsstrom

Immer mehr Schutzsuchende kommen über die türkisch-griechische Grenze ins Land.

Athen. Der 23-jährige Soldatsieht es jeden Tag von seinem Beobachtungsposten amgriechisch-türkischen Grenzfluss Evros aus: "Hunderte verzweifelterFlüchtlinge aus asiatischen und afrikanischen Staaten kommen jeden Tagrüber", sagt der Grieche. "Viele ertrinken im Fluss, andere kommen inMinenfeldern um."

Der Strom der illegalen Flüchtlinge wächstGriechenland über den Kopf. Jetzt hat die Regierung in Athen dieNotbremse gezogen - und die EU um Hilfe gerufen.

Die Einsatzkräfte der EU-Grenzschutzagentur Frontex sollen bei derÜberwachung der Landgrenze zur Türkei helfen. Die Grenzschützerüberwachen bereits die Meerengen in der Ost-Ägäis. Sie haben den Stromder Flüchtlinge über das Meer stark reduziert - mit der Folge, dass mehr Schutzsuchende nun über die türkisch-griechische Grenze kommen.

Griechenland ist insbesondere für Flüchtlinge aus Afghanistan, demIrak, Iran und Somalia das zentrale Tor nach Europa. Reisen sie dannweiter in ein anderes EU-Land, droht ihnen wegen der europäischenAsylzuständigkeitsregelung - der sogenannten Dublin-II-Verordnung - dieRücküberstellung nach Griechenland. Das Land ist davon völligüberfordert. Allein 2009 kamen laut Statistik 146.000 sogenannteIllegale. Jeder Zehnte in dem EU-Grenzland lebende Mensch ist einNicht-EU-Ausländer.

Die Flüchtlinge treffen auf chaotische Zustände. Athen gewährt kaumAsyl, die Anerkennungsquote liegt unter einem Prozent. Die Abgelehntenbekommen ein Papier: "Sie haben einen Monat Zeit, das Land zuverlassen." Wie und wohin, wissen die wenigsten. Die Folgen für dieGestrandeten: Rechtlosigkeit, Gefahr der Inhaftierung, Obdachlosigkeitund Hunger.

In den wenigen Aufnahmelagern ist die Situation chaotisch. In denHäfen von Patras und Igoumenitsa leben hunderte Menschen in Baracken. In Athen haben sich Ghettos gebildet, in denen tausende Menschen hausen.Im Stadtteil Agios Panteleimon kommt es bereits zu Zwischenfällenrassistischer Gewalt.

Mittlerweile sind auch die Vereinten Nationen überzeugt: Das Landkann das Problem nicht allein lösen. Die EU müsse ihreEinwanderungspolitik überdenken, verlangte UN-MenschenrechtsexperteManfred Nowak.

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