Wandlung: Ein Drogenboss wird Modezar

Wandlung: Ein Drogenboss wird Modezar

Erst kontrollierte Ilan Fernandez den Kokainmarkt. Jetzt schneidert er Shirts.

Rom. Es ist ein sonniger Morgen auf dem Playa de Catalunya, der 1989 das Leben des Ilan Fernandez von Grund auf verändert. Schwerbewaffnete Polizisten stoppen in Barcelona den Ferrari des Kolumbianers und bringen den Mann, der eine einzigartige Verbrecherkarriere hinter sich hat, hinter Gitter.

"Ich hätte nie gedacht, dass sie mich kriegen", sagt er. "Ich lachte sie aus und sagte:‚Was wollt ihr? In 24 Stunden bin ich wieder draußen." Statt 24 Stunden blieb der Kolumbianer fast zehn Jahre in Haft.

Mit 13 dealt Fernandez in den Elendsvierteln der kolumbianischen Stadt Cali mit Kokain. Mit 16 ist er Drogenboss und bringt im großen Stil das weiße Pulver in die USA. Mit 19 Jahren geht er nach Europa und kontrolliert dort schnell den Kokainhandel. Dabei setzt er auf seine ganz eigenen Tricks. Er tritt immer als rechte Hand des Drogenbosses auf, der er eigentlich selbst ist.

Als er mit 27 Jahren aus dem Gefängnis kommt, muss er bei Null anfangen. Doch bereits in der Zelle hat Fernandez seine Kreativität als Modedesigner entdeckt. Er gestaltet T-Shirts, die er mit flotten Sprüchen aufpeppt.

Was zuerst bei den Mithäftlingen funktioniert, wird später der Renner bei den Wächtern und ihren Angehörigen. Zurück in der Freiheit verkauft er seine Mode zuerst am Strand, bevor er über zwei Teilhaber seinen neuen Konzern "De Puta Madre 69" in Rom aufbaut, der heute in 32 Ländern agiert und mit junger Mode handelt.

"Ich bediene mit meiner Mode den Wunsch vieler junger Menschen, etwas zu provozieren und ein klein wenig illegal zu sein. Deshalb kommen Shirts mit dem Aufdruck ‚Kokain’ oder ‚Drogenboss’ auch so gut bei den Leuten an", erklärt Fernandez seinen Erfolg.

Er selbst hat nach den Jahren hinter Gittern die Lust am Illegalen verloren. "Viele Häftlinge begehen nach dem ersten Fehler, der sie ins Gefängnis gebracht hat, den entscheidenden zweiten Fehler, sie machen zurück in der Freiheit genau da weiter, wo sie vor der Verhaftung aufgehört haben", sagt Fernandez. Auch er muss das erst lernen. Zum Beispiel als er dem Polizisten begegnet, der sich in seine Organisation eingeschleust und ihn verraten hat.

Ihn sucht er nach seiner Entlassung, um sich an ihm zu rächen. Doch Fernandez erkennt, dass der Polizist nicht nur ein Verräter, sondern auch sein Schutzengel ist: "Ich habe kapiert, wann ich aufhören muss." Sein Leben hat Fernandez zusammen mit dem italienischen Autor Giulio Laurenti nun in dem Buch "Suerte" veröffentlicht.

Seiner Tochter würde er das Buch dennoch ohne Bedenken zum Lesen geben. "Es ist ein gutes Beispiel, wie man aus seinem Leben doch noch etwas machen kann", sagt der einstige Drogenboss, der heute große Angst hat, dass sein Nachwuchs mit Kokain in Kontakt kommt. "Ich bin da als Vater sehr besorgt und versuche, immer alles unter Kontrolle zu halten", sagt Fernandez.

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