Personenschutz: So sieht der Alltag eines Bodyguards aus

Personenschutz : So sieht der Alltag eines Bodyguards aus

Sie schützen Menschen in Rampenlicht: Politiker, Wirtschaftsleute und deren Familien. Im Ernstfall riskieren sie ihr eigenes Leben. Über Bodyguards ist eher wenig bekannt. Beamte in Bayern gewähren jetzt spannende Einblicke.

Wenn Florian nach Feierabend in der U-Bahn steht, wandern seine Blicke über die Körper der Fahrgäste. Scannen nennt der 41-Jährige das. Wirkt jemand nervös? Hat einer auffällig eine Hand in der Tasche? Zieht der gleich ein Messer raus? So ganz abschalten kann der Polizist vom Personenschutz des bayerischen Landeskriminalamts auch nach der Arbeit nicht. Zu tief eingebrannt sind die Abläufe in seinem Kopf, wenn auf einmal jemand angreift.

Zusammen mit Norbert, 35, beschützt er Spitzenpolitiker in Bayern. Sie müssen jederzeit blitzschnell reagieren können. Überall können Gefahren lauern. Inmitten von Tausenden Besoffenen im Bierzelt genauso wie im Altenheim in der Provinz. Grapscher, die unbedingt mal einen Politiker berühren wollen, Autogrammjäger, fliegende Eier. Zum ersten Mal in der Geschichte des bayerischen Landeskriminalamts gibt das Dezernat 43 tiefe Einblicke in die Arbeit des Personenschutzes.

Außer ihrer sportlich-muskulösen Statur, ihren gegelten Haaren und ihrem bayerischen Akzent haben die Männer äußerlich wenig gemeinsam. Florian kommt eher wie ein Naturbursche daher, groß gewachsen, braune Haare, Bart. Norberts blonde Haare sind akkurat zur Seite gegelt, sein Gesicht ist glatt rasiert. Er wirkt neben Florian beinahe klein, aber nicht weniger taff.

Die beiden ungleichen Männer verstehen sich allein mit Blicken. Sie müssen, wenn der Ernstfall eintritt, nicht einmal miteinander sprechen. Diesen Ernstfall üben sie mindestens ein Mal in der Woche - an diesem Tag auf Matten in einer Sporthalle der Polizei in München. Fotos sind erlaubt, aber erkennbar sein möchten die Männer nicht - zu ihrer eigenen Sicherheit.

Übung für den Ernstfall

Mit verschlossenen Augen stehen Florian und Norbert neben ihrem Politiker. Ein anderer Personenschützer hat heute diese Rolle übernommen. Er trägt einen alten, grauen Anzug. Plötzlich brüllt ein Ausbilder mit einem Gummimesser in der Hand „Angriff!“. Er attackiert und verletzt den Mann im Anzug.

Norbert zieht instinktiv seine schwarz-rote Plastikwaffe, schreit „Schuss, Schuss, Schuss!“. Florian stellt sich erst schützend vor den Anzugträger. Dann packt er ihn am Oberkörper und schleift den Verletzten einige Meter nach hinten. Vom niedergeschossenen Angreifer geht keine Gefahr mehr aus, der Ausbilder krümmt sich schreiend am Boden. Keine zehn Sekunden nach dem Angriff sind Florian und Norbert damit beschäftigt, die Stichverletzung am Arm ihres Schützlings zu versorgen.

Ein Personenschützer und ausgebildeter Rettungssanitäter des bayerischen Landeskriminalamts (hinten links) demonstriert an seinem liegenden Kollegen Wiederbelebungsmaßnahmen. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Das alles passiert unter den Blicken eines ausgebildeten Rettungssanitäters und früheren Beamten eines Spezialeinsatzkommandos, der auch zu den Personenschützern gehört. Am Ende gibt es Lob von ihm: Die Männer hätten die Wunde vorbildlich erstversorgt und den Angreifer gut ausgeschaltet. „Es geht nicht darum, den Täter festzunehmen, sondern die Schutzperson zu schützen und so schnell wie möglich aus dem Gefahrenbereich zu bringen“, sagt Joachim Huber, Leiter vom Dezernat 43.

Unter staatlichem Personenschutz stehen deutschlandweit einige Dutzend Spitzenpolitiker. Es sind Männer und Frauen auf Bundes- und Landesebene. Polizisten bewachen zudem etwa ausländische Staatsgäste und Würdenträger jüdischer Gemeinden. Namen und Zahlen sind gut gehütete Geheimnisse - aus Sicherheitsgründen, heißt es beim Bundeskriminalamt, kurz BKA, in Wiesbaden.

Bekannt ist, dass Kommissare des BKA beispielsweise auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel und den Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble aufpassen. In den Ländern werden in der Regel die Ministerpräsidenten, deren Stellvertreter und die Innenminister von den Landeskriminalämtern oder den Landespolizeien beschützt. Beamte der Bundespolizei haben außerdem ein wachsames Auge auf Mitarbeiter deutscher Botschaften im Ausland.

Zwei Personenschützerinnen des bayerischen Landeskriminalamts schießen mit Pistolen in einem Schießstand der Polizei auf Ziele an einer Wand. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Zahl der Personenschützer steigt

Auf eine Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Benjamin Strasser hat das Innenministerium vor einigen Monaten zumindest einige Zahlen zum Personal offengelegt: Demnach waren im Oktober 2018 beim BKA 503 Beamte mit dem Personenschutz beschäftigt. Fünf Jahre zuvor lag ihre Zahl noch niedriger, nämlich bei 473. Bei der Bundespolizei zählen nach jüngsten Erhebungen 109 Beamte zu den Bewachern. Hier gab es einen Sprung nach oben: Fünf Jahre zuvor waren es noch 65. Diese Angaben lassen den Schluss zu, dass die Gruppe der Menschen, die Schutz vom Bundeskriminalamt und der Bundespolizei brauchen, zuletzt größer geworden ist.

Wer Polizisten zum persönlichen Schutz zur Seite gestellt bekommt, entscheiden die Behörden in einer sogenannten Gefährdungsbewertung. In Bayern gibt es dafür eine eigene Stelle im Landeskriminalamt. Bevor beispielsweise ein Staatsgast anreist, wird bei verschiedenen Sicherheitsdienststellen wie BKA und Nachrichtendiensten abgefragt, wie gefährdet der Besucher ist. Dann legt das Innenministerium zum Beispiel fest, ob der Gast in einem gepanzerten Auto chauffiert wird und wie viele Personenschützer ihn begleiten.

In Filmen kommen solche Bodyguards häufig muskelbepackt und braun gebrannt daher. Oft verdeckt eine Sonnenbrille die Augen. An ihrem Promi sind sie ganz nah dran. Mit der Realität habe das aber wenig zu tun, betont Markus Weidenauer von der Seccon Group in München.

Firmen bieten privaten Personenschutz

Sein Unternehmen tut etwas Ähnliches wie die staatlichen Aufpasser - aber gegen Geld und von den Schutzsuchenden selbst angeheuert. Weidenauers Personenschützer betreuen vor allem mittelständische Familienunternehmer. Es gebe aber Menschen, die in der Branche arbeiten wollten, weil sie die Kino-Klischees im Kopf hätten: „Es gibt Leute, die wollen Personenschutz machen, weil sie einen Geltungsdrang haben, der dem Klischee entspricht: immer am roten Teppich, immer mit Sonnenbrille, immer mit Schlauch im Ohr, Blitzlichtgewitter“, sagt Weidenauer.

Eine hintere Türe eines gepanzerten BMW X5 ist geöffnet. Sie ist, wie das gesamte Fahrzeug, schusssicher und speziell ausgestattet. Mit dem SUV können Menschen gefahren werden, die Personenschutz erhalten. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Seine Mitarbeiter bewegen sich jedoch in einem sensiblen Umfeld. Sie schützen schwerreiche Unternehmer, deren Frauen und Kinder. Sie sind dabei gar nicht ständig hinter ihnen her. „Bei uns laufen Maßnahmen wesentlich konspirativer ab als bei der Polizei“, erläutert Weidenauer. In neun von zehn Fällen bekämen Außenstehende gar nicht mit, wenn jemand Personenschutz habe. „Die Kunden wollen nicht, dass im Alltag jemand in ihrer unmittelbaren Nähe rumläuft.“ In aller Regel lasse das die Gefährdungssituation auch nicht zu.

Viele Kunden wollen Diskretion

Weidenauers Personenschützer sorgen dafür, dass der Arbeitsplatz, das Haus, ebenso wie der Tennis- oder Golfclub sicher für den Klienten sind. „Aufklärungsmaßnahmen“ nennt der Unternehmer das, ohne ins Detail zu gehen. Seine Leute begleiten auch die jungen Erben der reichen Kundschaft, etwa zur Schule. „Wir schauen, ob es Leute entlang des Schulwegs gibt, die immer wieder auftauchen oder Fotos machen“, sagt der 45-Jährige.

Viele seiner Kunden wurden noch gar nicht von Personenschützern begleitet. Sie bezahlen Weidenauer aber für den Fall der Fälle. Sein Unternehmen erstellt für potenziell gefährdete Familien innerhalb von ein bis zwei Monaten ein Sicherheitskonzept, das regelmäßig aktualisiert wird. Sollte die Kundschaft in Gefahr geraten, greift das Konzept.

Einer der bekanntesten Bodyguards in Deutschland ist Michael Kuhr. Auf der Internetseite seines Unternehmens wirbt er mit zahlreichen Bildern, die ihn mit strengem Blick am roten Teppich neben Schauspielern und Sängern zeigen. Kuhr bedient bewusst das Bodyguard-Klischee, differenziert aber: „Ich habe viele Fotos mit Promis, würde aber nie sagen, dass ich für die Personenschutz gemacht habe.“ Die meisten hätten Begleitschutz, für den es viel weniger Personal und Vorbereitung brauche als beim Personenschutz.

„Mir wurde das zu viel“

Kuhr weiß, wovon er spricht. „Ich kam selbst in den Genuss des polizeilichen Personenschutzes. Ich stand auf der Abschussliste“, berichtet der 57-Jährige. Einer der Chefs einer arabischstämmigen Berliner Großfamilie habe ihn „mit einer Maschinenpistole“ töten wollen - das Landeskriminalamt der Hauptstadt habe dafür Hinweise gehabt. Hintergrund war wohl Kuhrs Aussage im Prozess nach einem Überfall auf ein Berliner Pokerturnier im Jahr 2010.

Die Personenschützer des Landeskriminalamts trainieren einmal die Woche den Umgang mit ihrer Dienstwaffe. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Nach wenigen Monaten hat Kuhr, wie er erzählt, auf den polizeilichen Personenschutz verzichtet. „Mir wurde das zu viel. Eine Privatsphäre gibt es so gut wie gar nicht mehr“, sagt er. Außerdem sei er Geschäftsmann. Er führt seit Jahren eine Sicherheitsfirma in Berlin, bietet vor allem den Schutz von Veranstaltungen, Gebäuden und Menschen an. „Da macht es keinen guten Eindruck, wenn der Chef selbst unter Beschuss steht und dauerhaft Polizisten an einem dran sind.“

LKA-Leute brauchen Autorität

Immer nah dran zu sein an ihrem Schützling, das gehört für die LKA-Personenschützer Florian und Norbert zum Arbeitsalltag. Die meiste Zeit geht es darum, aufdringliche Leute von den Beschützten fernzuhalten. „Umarmer und Händeschüttler sind das normale Tagesgeschäft“, sagt Florian.

Dann gebe es auch Stalker, die ständig Autogramme haben wollten. Und Leute, die unbedingt neben einem Politiker auf Bildern im Fernsehen oder Fotos in Zeitungen zu sehen sein wollten. „Ich spreche die höflich an“, sagte Norbert. Oft reiche das. „Natürliche Autorität ist da ganz wichtig“, meint Norbert.

All das wird zur Routine. Gerade das Unvorhersehbare jedoch macht für die beiden Polizisten ihren Job so spannend. Ganz plötzlich hallt ein ohrenbetäubender Knall durch ein Treppenhaus. Die Wände sind von Ruß schwarz, Licht dringt von außen kaum rein. Wieder eine Übung. Es riecht nach kaltem Rauch. Während der Knall verhallt, kommt Getrampel auf: Florian und Norbert hechten die Treppe hoch. „Bewahren Sie Ruhe, Herr Maier! Wir haben alles im Griff“, ruft Norbert dem Mann zu, den er am Arm führt.

Rettung bei Feueralarm

Über eine Leiter an einem Fenster bringen die Beamten ihren Schützling nach und nach auf sicheren Boden außerhalb des Gebäudes. Diesmal sind die LKA-Leute in der Brandsimulationsanlage der Berufsfeuerwehr München unterwegs.

Das Szenario: Eine Explosion in einem Hotel führt zu einem Brand. Der verletzte Politiker muss schnellstens aus dem Gebäude geführt werden. Er bricht kurz danach zusammen, muss wiederbelebt werden. Auch hier ernten die Polizisten Lob - diesmal von einem Ausbilder der Feuerwehr.

Einmal in der Woche gehen die Personenschützer an den Schießstand. Im Keller eines Polizeireviers in München stehen Florian und Norbert in einem länglichen Raum. Die Wände und die Decke sind mit Holzlamellen ausgekleidet. Die Männer und Frauen, die heute üben, tragen Ohrschützer, die sie Mickey Mäuse nennen.

Training mit der Waffe

Ein Beamer projiziert Ziele an die Wand, die Polizisten feuern im Sekundentakt aus ihren Waffen Kugeln in die Wand. Immer wieder ziehen sie ihre Pistolen aus dem Holster, feuern, lassen die leeren Magazine auf den Boden fallen und laden nach. „Wir zielen nicht mehr“, sagt ein Personenschützer. „Man könnte das Licht ausmachen, und wir würden treffen“, sagt ein anderer.

Ihre Waffe im Ernstfall ziehen mussten Florian und Norbert als Bodyguards noch nie. „Zum Glück“, sagen sie. Das dürfte auch Florians Frau beruhigen. Sie macht sich Sorgen, wenn er im Dienst ist. Das gibt der Vater von zwei kleinen Kindern offen zu. „Es gehört dazu, dass es eine gewisse Klientel gibt, die man zwar eingrenzen kann, aber man nie weiß, was man von ihnen erwarten kann.“

Würden sie im Notfall ihr Leben für das ihrer Schutzperson geben? Ihr Chef, Joachim Huber, antwortet: „Man erwartet vom Beamten schon, dass er sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, damit die Schutzperson unverletzt aus der Situation rauskommt.“

(dpa)