1. NRW
  2. Wuppertal

Krippen in Wuppertal: Es kommt ein Schiff geladen

Krippen in Wuppertal: Es kommt ein Schiff geladen

Für Krippen gibt es in den christlichen Kirchen keine Regeln. Deshalb bleibt viel Raum für individuelle Gestaltung. Und der wird genutzt.

Wuppertal. Vielfältig wie in vielen anderen Dingen präsentiert sich auch die Krippenlandschaft in der Stadt. Das liegt unter anderem daran, dass die christlichen Kirchen für Krippen keine liturgischen Regeln aufgestellt haben. „Sie gehören zum gewachsenen Brauchtum, das regional sehr unterschiedlich sein kann“, sagt Werner Kleine, Pastoralreferent von der Katholischen Citykirche Wuppertal, und verweist auf die opulenten Krippen in Süddeutschland.

Wohl deswegen haben in und vor der Laurentiuskirche zwei ganz unterschiedliche Krippen Platz. Innen ist eine klassische Version aufgebaut. Früher standen die 80 Zentimeter hohen Holzfiguren in einer Kulisse mit bergischen Häusern und Hoflandschaft. Seit 2003 werden sie in einer israelischen Landschaft platziert. Zur Tradition ist geworden, dass die drei Weisen die Friedrich-Ebert—Straße vom Robert-Daum-Platz aus durchwandern: Mit Beginn der Weihnachtszeit rücken sie jeden Tag ein Geschäft näher an St. Laurentius heran. Am 6. Januar kommen sie schließlich an der Krippe an.

Die Graffitikrippe auf dem Laurentiusplatz hat Martin Heuwold in diesem Jahr im Ikonenstil gestaltet. „Sie wird gut angenommen, auch wenn sie wegen des Mittelaltermarktes nach hinten gerückt ist. Die Klötzchenkrippe vor zwei Jahren hat viel mehr polarisiert“, sagt Kleine. Heute um 12 Uhr sprüht Heuwold das Jesuskind in die Krippe. Werner Kleine wird dazu das Martyrologium singen, die festliche Ankündigung des Weihnachtsfestes.

Prägnant ist die große Milieukrippe, die Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Simonshöfchen nach einer Idee des damaligen Gefängnisseelsorgers Günter Berkenbrink und unter Anleitung des Bildhauers Johannes König zwischen 2000 und 2003 gebaut haben. Bis heute werden einige Figuren für die Krippe genutzt. Gefangene aus vielen Ländern sind dargestellt, auch eine Beamtin und Besucherinnen versammeln sich um Josef und Maria. Auf ihrem Schloß liegt das Jesuskind in einem hellblauen Knasthemd — genäht aus einem Hemd, das vorher schon hunderte Inhaftierte getragen haben, erklärt Berkenbrink. Es sei wie die ausgebreiteten Arme der Hinweis auf das Ende dieses Kindes, rechtskräftig verurteilt zum Tod am Kreuz.

Die Hirten, Könige und die Heilige Familie in der Kirche Hottenstein in Nächstebreck sind quasi konvertiert. Denn als Norbert Trelle, damals katholischer Pfarrer von St. Johann Baptist 1992 zum Weihbischof von Köln berufen wurde (heute ist er Bischof von Hildesheim), überließ er die Figuren, die er aus seiner früheren Gemeinde in Ratingen mitgebracht hatte, den evangelischen Nachbarn als Dauerleihgabe.

Die mehr als einen Meter großen Figuren stammen laut Stempel aus dem Jahr 1903 und seien aus Gips und Lehm gefertigt, sagt Gemeindemitglied Helmut Oberbossel, der die Krippe jedes Jahr aufbaut. Das hat man gemerkt, als man nach dem Transport damals eine von ihnen in der Waschküche abschrubben wollte: „Da hat sie sich aufgelöst.“ Pfarrer Dirk Bangert mag die Figuren sehr: „Sie sind wie für uns gemacht. Für eine kleine Kirche sind sie relativ groß, aber dadurch auch sehr präsent. Sie haben auch ähnliche Farben wie die Kirche. Und sie sind ein Zeichen für die ökumenische Verbundenheit.“

„Wir haben die Krippe für unsere Kirche ökumenisch angeschafft — eine handgetöpferte fair gehandelte Krippe aus Peru“, sagt Pfarrerin Dorothee Nüllmeier, die mit ihren Kollegen für die Seelsorge am Helios-Klinikum zuständig ist. Erst habe die evangelische Gemeinde Wichlinghausen-Nächstebreck ihnen eine Krippe aus der nicht mehr genutzten Kirche für ein Jahr geliehen. „Die Gemeinde wollte sie aber zurückhaben. Da haben wir die gleiche für uns gekauft.“ Die Figuren seien nicht sehr groß, „aber das passt zu unserer Kirche“.

Fünf Menschen aus vier Nationen, darunter ein Bootsflüchtling, haben die Krippe in St. Raphael in Langerfeld gestaltet. Sie haben in diesem Jahr die vertrauten Personen der Weihnachtsgeschichte ins heutige Europa transportiert — so wie Franz von Assisi 1223 mit der ersten Lebendkrippe das Geschehen von Bethlehem ins bäuerliche Grecchio in Italien versetzt hat.

Seit dem ersten Advent haben die Krippenbauer um Max Straetmanns jede Woche ihre Weihnachtsgeschichte aktualisiert: Wie machen sich Menschen heute auf, suchen ein Dach über dem Kopf, Herberge und eine neue Zukunft? Mit neun Figuren in einem kleinen Boot thematisieren sie das Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer in Anlehnung an das Lied „Es kommt ein Schiff geladen . . .“. Und aus dem Boot haben sie Freitag den Stall für das Jesuskind gebaut.