Wuppertal: Eine „Sternstunde“ zur Saisoneröffnung

Wuppertal : Eine „Sternstunde“ zur Saisoneröffnung

Konzertant aufgeführte Oper „Werther“ bot ein besonderes Erlebnis in der Stadthalle.

Die Wuppertaler Oper ließ sich zu ihrer Saisoneröffnung nicht lumpen. Ein großes romantisches französisches Musikdrama hatte sie sich ausgesucht: Jules Massenets lyrische Oper „Werther“. So gut wie alles, was ihr künstlerisch zur Verfügung steht, bot sie dafür auf. Für die Premiere zog man ausnahmsweise in die gute Stube der Stadt auf den Johannisberg um, in den Großen Saal der Stadthalle. Diese Adresse bot sich deswegen an, weil dieses weltberühmte Opus konzertant geboten wurde.

Geht das überhaupt, eine Oper konzertant auf die Bühne zu heben? Viele Fans haben sich wohl diese Frage gestellt und kamen nicht, weil es deswegen kein Bühnengeschehen gibt. So war der Ort des Geschehens noch nicht einmal annäherungsweise halb voll. Man kann nur sagen: Diejenigen, die nicht anwesend waren, haben eine ganze Menge verpasst. Ein fachkundiger Gast sprach sogar von einer „Sternstunde“. Recht hat er.
Bei Massenets „Werther“ ist das Visuelle nicht unbedingt wichtig. Eine große Handlung mit viel Tamtam gibt es nämlich nicht. Es geht vielmehr um die Charaktere und Seelenzustände der Protagonisten, die der Komponist genial in Töne gefasst hat. Diese Wesenszüge wurden mustergültig und packend zur Geltung gebracht.

Die Saal- und Bühnenbeleuchtung ging aus. Nur an den Notenpulten klemmten Birnen, und die Rampe war hell angestrahlt. Bescheiden, ohne irgendwelche Starallüren, ging John Nelson an das Dirigentenpult und hatte sofort, von der ersten Note an, das Sinfonieorchester Wuppertal voll im Griff. Ihm wird nachgesagt, ein international anerkannter Spezialist auf dem Gebiet der französischen Oper zu sein. Diesem Ruf wurde er voll gerecht. Ohne Firlefanz gab er in jeder Hinsicht präzise, hochmusikalisch seine Anweisungen. Folge: Selten zuvor hat man die städtischen Sinfoniker derart homogen und nuanciert gehört. Geschmeidige Tempo- und Dynamikwechsel sowie glänzende Soli waren wesentliche Merkmale. Sehr sensibel und facettenreich kamen Massenets großartige Klanggemälde von der Bühne.

Sehr aufmerksam und mitatmend achtete Nelson zudem auf die Sänger links und rechts neben ihm, die so ihre Rollen unverkrampft gestalten konnten. Erstklassig disponiert waren Tenor Sangmin Jeon und Mezzosopranistin Catriona Morison. Dank ihre tragfähigen, in allen Belangen ausgewogenen und beweglichen Stimmen ließen sie die seelischen Zustände des Werther und der Charlotte ergreifend zur Geltung kommen. Ihre Arien und Duette gerade im 3. und 4. Akt elektrisierten und rührten an.

Diesem hohen sängerischen Niveau standen Bariton Simon Stricker als Albert und Sopranistin Ralitsa Ralinova alias Sophie in Nichts nach. Auch die Nebenrollen waren mit Sebastian Campione (Amtmann), Mark Bowman-Hester (Schmidt) und Sebstiá Peris (Johann) exzellent besetzt. Ebenfalls ließen der Kinder- und Jugendchor der Wuppertaler Bühnen (Einstudierung: Markus Baisch) auf, neben und hinter der Bühne keine Wünsche offen.

Karin Kotz-Bauer-Bodes szenische Konzeption beschränkte sich hauptsächlich auf die Auftritte und Abgänge der Sänger. Aufgrund der engen Platzverhältnisse wären andere Personenführungen nicht möglich gewesen und hätten nur gestört.

Etwas zum Hingucken gab es auch. Die von „fettFilm“ auf die Leinwand über dem Orchester gebeamte Wiesenlandschaft mit einem mächtigen Baum hinten auf dem Hügel widerspiegelte dezent die in der Geschichte vorkommenden Jahreszeiten vom Sommer bis Winter mit kleinen Andeutungen vom eigentlichen Bühnengeschehen, etwa der Tanzszenen.

Dieses Highlight wurde dementsprechend mit stehenden Ovationen und Bravo-Rufen frenetisch vom Publikum gefeiert. Es fehlte nur die bei solchen Veranstaltungen übliche Übergabe von Blumensträußen. Die hätten zumindest die Sänger und der Dirigent absolut verdient gehabt.

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