Die Königsdisziplin aller Sammelleidenschaften

Die Königsdisziplin aller Sammelleidenschaften

Kolumnist Uwe Becker begann mit Feuerzeugen und Bierdeckeln.

In der vergangenen Woche las ich in der Westdeutschen Zeitung den Artikel über einen pensionierten Schornsteinfeger, der mit großer Leidenschaft kleine Schornsteinfeger aus Holz, Metall oder Porzellan sammelt. Bisher sind rund 1800 Stücke zusammengekommen, die in Vitrinen und Schränken ausgestellt sind.

In meiner Familie gab es auch einige Verwandte, die mit dem Sammelvirus infiziert waren. Mein Onkel häufte Nussknacker aus dem Erzgebirge an, die er in einem Kellerraum beherbergen musste, weil meine Tante die gesamte Wohnung bereits mit ihrer eigenen Sammlung von Katzenfiguren belegt hatte. Als mein Onkel vor einigen Jahren starb, nutzte sie den Kellerraum zu Erweiterung ihres Katzen-Arsenals. Die Nussknacker meines Onkels verkaufte sie an einen Sammler, den sie im Internet kennengelernt hatte.

Ich selbst habe in den 80ern eine etwas bizarre Leidenschaft gepflegt, für die ich mich heute schäme und alle meine Opfer um Entschuldigung bitten möchte: Ich habe über viele Jahre bei meinen Besuchen in Kneipen und Restaurants die Einwegfeuerzeuge meiner Tresen- und Tischnachbarn entwendet. Anfangs nur aus Gedankenlosigkeit oder aus Versehen, weil das eigene Feuerzeug die gleiche Farbe hatte. Dann passierte es immer häufiger, dass sich am anderen Morgen drei oder vier Feuerzeuge in meiner Hosentasche befanden. Ich war verunsichert, aber der Sammelvirus hatte mich infiziert. Zu jedem gesammelten Einwegfeuerzeug notierte ich das Datum der Entwendung, die Örtlichkeit und, wenn möglich, den Namen des vorherigen Besitzers. Zum Beispiel: „4.7.1987, Cafe Nervös, Anja“.

Begrabt mein

Herz in Wuppertal

Im Laufe der Zeit befand sich ein gerüttelt Maß an Objekten in meinem Besitz, und ich wollte die Sammlung in meiner Wohnung ausstellen, so wie es früher meine Tante mit ihren Katzenfiguren tat. In tagelanger Arbeit stellte ich alle 300 Feuerzeuge samt Info-Kärtchen vorsichtig nebeneinander in eine Glasvitrine. Zur Besichtigung meiner Sammlung lud ich selbstverständlich nur Freunde - in der Regel Nichtraucher - ein, die keine Opfer meiner Sammelleidenschaft waren.

Meine Nachbarin war die erste und letzte Besucherin meiner Ausstellung. Bei der intensiven Betrachtung der Einwegfeuerzeug-Galerie berührte sie mit ihrer Nasenspitze versehentlich eines der Objekte, das dann umfiel und einen Dominoeffekt auslöste. Nach und nach kippten alle 300 Ausstellungsstücke um.

Die Vorstellung, hunderte von kleinen Einwegfeuerzeugen samt der Info-Kärtchen wieder aufstellen zu müssen, führte zu der Erkenntnis, alles in einen Karton zu packen und im Wohnzimmerschrank verschwinden zu lassen.

Nach einigen erfolg- und leidenschaftslosen Versuchen, etwas anderes zu sammeln (Bierdeckel, Ü-Ei-Figuren), habe ich dann zur Königsdisziplin aller Sammler gewechselt: Seit drei Jahren horte ich sehr erfolgreich Geld und habe in dieser Zeit schon viele wunderschöne Stücke zusammengetragen. Die wertvollen Objekte habe ich in die Obhut der Wuppertaler Sparkasse gegeben. Momentan prüfe ich Angebote der US-Notenbank und der europäischen Zentralbank, die sich stark für meine umfangreiche Sammlung interessieren.

Mehr von Westdeutsche Zeitung