Anno 1935: Schönster Bahnhof

Anno 1935: Schönster Bahnhof

Der Anrather ist der älteste und heute auch der letzte Bahnhof der Stadt Willich.

Anrath. Der älteste Bahnhof der Stadt Willich steht in Anrath: Am Freitag, 5. Oktober 1849, 6.37 Uhr, hielt dort die erste fahrplanmäßige Dampflokomotive aus Richtung Krefeld. Das ist jedenfalls dem Fahrplan zu entnehmen, den die „Direction“ der „Ruhrort-Crefeld-Kreis Gladbacher-Eisenbahn-Gesellschaft“ drei Tage vorher als Annonce im Crefelder Kreis- und Intelligenzblatt aufgegeben hatte.

Der erste Zug brachte es auf eine Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern und bestand neben der Dampflok aus fünf Waggons. Ob er preußisch-pünktlich war, weiß nicht einmal Manfred Fabianke. Ansonsten weiß der Anrather Eisenbahnfan aber fast alles über die Strecke.

„Ich bin schon als Säugling im Kinderwagen regelmäßig mit der Bahn von Anrath nach Krefeld gefahren. Dort haben wir meine Großeltern besucht“, erzählt Fabianke. Sein Elternhaus stand an der Hüttenfeldstraße, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Die Kastanienallee dort sei einer seiner liebsten Spielplätze gewesen, erinnert sich der Rentner.

Besagter Bahnhof war im Jahr 1850 erbaut worden — gemessen an seinen späteren „Kollegen“ in Schiefbahn und Neersen übrigens in einem eher schmucklosen Stil. Das Gebäude wurde später noch einmal ausgebaut. Die Anfänge waren insgesamt bescheiden: Wie Manfred Fabianke ermittelt hat, wurden zum Beispiel im gesamten Jahr 1861 lediglich 28 547 Passagiere befördert. Im gleichen Jahr arbeiteten auf der Station ein Bahnaufseher und zwei Weichensteller.

Anfangs verkehrten auf der einspurigen Strecke Züge zwischen Viersen und Homberg. „Es sollte eine Verbindung zwischen dem Ruhrgebiet und den Industriestädten Krefeld und Mönchengladbach geschaffen werden“, berichtet Stadtarchivar Udo Holzenthal. Erst mit der Fertigstellung der Verbindung Viersen-Möchengladbach im Oktober 1851 war allerdings die Anbindung Anraths an die „große weite Welt“ wirklich geschafft.

Passagiere, die damals im Anrather Bahnhof ausstiegen, erwartete ein „Rundum-sorglos-Paket“: Im Gebäude gab es einen gut gehenden Restaurantbetrieb, in dem es Speisen und Getränke gab. Gleichzeitig bot eine Familie Melchers aber auch ihre Dienste als Fuhrunternehmen, Taxi- und Busbetrieb an. „Sogar Kohlen wurden transportiert“, weiß Manfred Fabianke.

Wer sich heute als Bahnreisender schon mal über Rowdytum und Vandalismus ärgert, dem seit gesagt: Früher war auch nicht alles besser. So ging im Mai 1863 beim Landratsamt zu Krefeld ein Schreiben ein, in dem sich die „Königliche Eisenbahn-Direction“ darüber beschwerte, „dass nach den vorbeifahrenden Zügen vom Felde aus, in der Regel von Kindern, mit Steinen geworfen wurde, und hier mehrmals nicht nur Scheiben zertrümmert, sondern auch die in den Coupets sitzenden Passagiere in Gefahr gesetzt wurden“. Gendarmerie und Feldhüter wurden aufgefordert, verstärkt zu patroullieren.

Ende des 19. Jahrhunderts war die Zahl der Fahrgäste, die in Anrath befördert wurden, auf mehr als 170 000 angestiegen. Etwa zur gleichen Zeit wurde auf der Strecke der Haltepunkt Forsthaus eingerichtet. Im März 1909 folgte eine Eisenbahnstation in Hochbend. Mit bescheidenem Erfolg: Ganze 1299 Fahrkarten verkaufte der dortige Schrankenwärter im gesamten Jahr.

1917 ist die Strecke um ein zweites Gleis erweitert worden. Auf die Zahl der Passagiere in Anrath hatte dies aber keinen großen Einfluss. Das gilt auch für einen Preis, der im Jahr 1935 verliehen wurde: Die Station in Anrath wurde damals als „Deutschlands schönster Bahnhof“ ausgezeichnet. Zu verdanken hatte sie dies vor allem den vielen schönen Rosenbögen, Tulpen und Narzissen, die rundherum blühten — und eben den mächtigen Kastanien, unter denen schon der kleine Manfred Fabianke so gern spielte.

1964 war die Zeit der Dampflokomotiven auch in Anrath fast vorbei: Die Strecke wurde elektrifiziert. Doch das immer maroder werdende Bahnhofsgebäude brauchte schließlich niemand mehr: 1976 wurde es abgerissen. Zuletzt hatte dort noch ein älteres Ehepaar gewohnt.

Das Ende des Gebäudes bedeutete in Anrath nicht das Ende das Bahnverkehrs. In den 90er Jahren wurde ein neuer Bahnsteig gebaut. 2002 folgte der Ausbau einer Park & Ride-Anlage mit 62 Parkplätzen und 50 Fahrradboxen, die Anfang dieses Jahres dort, wo früher der Bahnhof stand, nochmals erweitert wurde. Die Plätze werden gebraucht. Bis heute halten etwa viermal in der Stunde Züge in Anrath — womit der älteste Bahnhof der Stadt Willich auch der letzte ist.

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