Bereit für die letzte Chance

Bereit für die letzte Chance

Das Berufskolleg in Hilden bietet mit „Jobtraining“ ein Projekt für ehemalige Schulschwänzer an.

Kreis Mettmann. Er wollte „cool“ sein, kein Außenseiter in seiner Klasse werden. „Ich hatte Angst davor, nicht dazuzugehören, als ich in die neue Schule kam. Und dann hing ich mit den falschen Leuten ab und bin auf die schiefe Bahn geraten.“ Mohammed Abdulrah (16) redet nicht gerne über seine Vergangenheit — über die Zeit, als Schule einfach nur lästig war und er den Unterricht schwänzte.

Mohammed Abdulrah (16)

Vor zwei Jahren kam Mohammed nach Erkrath. Davor hatte er in Rheinland-Pfalz gelebt. „In der Schule hier wollte ich natürlich dazugehören. Und an der Hauptschule war es bei den anderen irgendwie normal, einfach aus dem Unterricht zu gehen, wenn sie keinen Bock mehr hatten. Also habe ich das auch gemacht“, erzählt er.

Die Folge: Mohammed hat zwar einen Hauptschulabschluss der Klasse 9 — aber mit ganz schlechten Noten. Entsprechend trübe sind die Aussichten auf einen Ausbildungsplatz. „Ich habe damit keine Chance“, sagt er und senkt den Blick zu Boden. „Ich weiß heute, dass das alles falsch war.“

Der 16-Jährige ist einer von 16 Jugendlichen, die zurzeit am Berufskolleg Hilden eine neue Chance bekommen. Dort gibt es den Verein „Jobtrain“ — eine Schule, die Schulverweigerern die Möglichkeit gibt, den Hauptschulabschluss nachzuholen oder die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt zu verbessern. In einer flexiblen Kombination von Unterricht und praktischer Arbeit können die Schüler beweisen, dass mehr in ihnen steckt, als ihre meist gescheiterte Schullaufbahn vermuten lässt.

Überhaupt ist dies ein zentraler Bestandteil des Konzepts. „Denn wir haben hier mit Jugendlichen zu tun, die oft vergessen haben, was sie eigentlich können“, sagt Projektleiterin Romy Bienfuß, die den Verein aus der Taufe gehoben hat.

Es geht bei „Jobtrain“ aber nicht nur darum, dass die Schüler zeigen können, zu welchen Leistungen sie fähig sind. Ziel ist es auch, beizubringen, was sie in der Schule und Elternhaus nie gelernt haben: Teamfähigkeit, Pünktlichkeit und Konfliktfähigkeit, aber auch Durchhaltevermögen, wenn eine Sache nicht sofort funktioniert.

„Das klingt banal, und jeder denkt, dass dies die Jugendlichen im Elternhaus gelernt haben. Aber dort beginnen viele Probleme. Zerrüttete, problembelastete Familien gibt es bei unseren Schülern oft“, sagt Paul Metzig vom Projektteam.

Das Phänomen Schulverweigerung habe viele Gesichter. Und es müsse nicht immer der Jugendliche sein, dessen Eltern geschieden sind und kein Interesse an dem Kind haben. „Meine Eltern legen sehr viel Wert auf Bildung von“, sagt Mohammed. Seine Schwestern hätten alle Abitur. „An denen habe ich mir jetzt ein Vorbild genommen. Die alten Freunde sind Vergangenheit.“ Jetzt will er seinen Realschulabschluss nachholen.

Das Ziel eines Schulabschlusses hat auch Nadine Singler aus Hilden. Irgendwann flog die heute 17-Jährige wegen dauernden Schwänzens von der Schule. Ihre Mutter, die Nadine alleine großzieht, versuchte es zuerst mit Gesprächen mit der Tochter. Nichts half. Die Mutter holte sich Hilfe bei der Familienhilfe des Jugendamtes. Nadine kam in eine Wohngruppe nach Heinsberg.

Die Trennung vom Elternhaus fiel der Jugendlichen nicht leicht. „Aber irgendwie war das gut“, sagt Nadine heute. Danach habe sie mit ihrer Mutter reden können, wie es mit ihr weitergeht.

Als sie aus Heinsberg zurückkam, ging sie noch einmal für zwei Wochen zur Hauptschule. „Danach musste ich die Schule ohne Abschluss verlassen. Ich hatte ja die zehn Pflichtschuljahre absolviert“, erzählt die Jugendliche. Auf „Jobtrain“ sei sie durch die Agentur für Arbeit aufmerksam geworden. Dies sei ihre letzte Chance.

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