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Soziales: Verwahrlost, misshandelt, hilflos

Soziales : Verwahrlost, misshandelt, hilflos

Jugendamtsleiter Markus Schön fordert Kitas und Schulen auf, Kindeswohlgefährdung offensiver zu melden. Erste neue Ideen.

Krefeld. Es ist trauriger Alltag im Krefelder Jugendamt: Hilflose Knirpse von ihren Familien zu trennen — verwahrlost, geprügelt, misshandelt, direkt vor unserer Haustüre. Inobhutnahme heißt das im Fachjargon. Kindeswohlgefährdung ist der Anlass. Die Zahl der Inobhutnahmen ist in diesem Jahr im Vergleich zu 2016 gestiegen, um 33 Prozent landesweit, in Krefeld sogar um 63 Prozent. Doch Jugendamtsleiter Markus Schön warnt: „Aus ein paar Zahlen einen Trend abzuleiten, halte ich für gefährlich. Im Vergleich zu 2013 haben wir zum Beispiel 250 weniger Inobhutnahmen. Aber auch keinen Grund, von Entspannung zu sprechen.“ Schön verrät erste Ideen für eine bessere Prävention in Krefeld.

Soziales: Verwahrlost, misshandelt, hilflos
Foto: Dirk Jochmann

Es sind nicht nur die eigenen des neuen Mannes aus München. Auf Initiative von Oberbürgermeister Frank Meyer, der beim Neujahrsempfang im Januar versprochen hatte, den Kampf gegen Kinderarmut in Krefeld zu forcieren, haben zwei Experten-Gruppen die Arbeit aufgenommen. Eine so genannte Lenkungsgruppe, besetzt mit Fachbereichsleitungen aus Jugend-, Sozialhilfe und Prävention. Eine Steuerungsgruppe, die Arbeitsebene aus der täglichen Praxis. „Kekiz“ ist das Ziel, „Kein Kind zurücklassen“. Ein Programm der abgewählten rot-grünen Landesregierung, für das Schwarz-gelb mindestens bis Ende 2018 eine Bestandsgarantie ausgesprochen hat. „Die neue Landesregierung wird die Zeit bis dahin nutzen, etwas Ädäquates zu entwickeln“, ist Schön sicher.

Arbeitslosigkeit und finanzielle Schwierigkeiten gehen meist mit Bildungsferne einher. Zunächst die der Eltern, in der Folge die der Kinder. Nicht selten sind es Knirpse aus diesen schwierigen Sozialmillieus, denen in ihren Familien weiteres Ungemach droht. Die zuletzt wieder angestiegene Zahl der Inobhutnahmen führt Schön allerdings auch auf die große Zahl unbegleiteter, minderjähriger Asylsuchender zurück, um die sich die Stadt kümmert. Man sei in Krefeld fortschrittlich aufgestellt. „Bereits 2008 hat Krefeld einen Spezialdienst eingerichtet. Eine Pionierleistung, die sogar die Großstadt Köln kopiert hat.“ Das Team Kindeswohl Krefeld mit seinen 5,5 Planstellen hat freilich alle Hände voll zu tun. Es rückt akut aus, wenn der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung geäußert wird und prüft die Situation vor Ort in den Familien.

„Seit 2012 die Meldepflicht eingeführt wurde, bekommen die Jugendämter viel mehr mit“, erklärt Schön. Macht aber auch deutlich: „Meist ist es die Polizei, die nach Einsätzen ihre Beobachtungen meldet. Kitas und Schulen könnten ruhig noch wesentlich offensiver mit Meldungen umgehen. Lieber einmal zuviel, als einmal zu wenig.“ Und Schön appelliert gleichwohl an alle Krefelder: „Das Wohl unserer Kinder geht uns alle an.“ Heißt: Wer Kindeswahlgefährdung in seiner Nachbarschaft meldet, denunziert nicht, sondern übernimmt Verantwortung. „Das wichtigste Ziel bleibt für das Jugendamt immer, das Kind wieder in die Familien einzugliedern, wenn es tatsächlich wegen einer akuten Gefährdungslage herausgenommen werden musste.“ Oft sei eine Inobhutnahme vorrübergehend. Die Kinder kommen in einer stationären Einrichtung oder bei Pflegefamilien unter.

In Krefeld arbeiten sie mit Hochdruck daran, der schwachen Sozialstruktur entgegenzuwirken. Gut ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen leben von Hartz IV, die Arbeitslosenquote ist deutlich über dem Schnitt, die Zahl von zunehmend jungen alleinerziehenden Müttern ebenfalls. „Das ist unsere Arbeitsgrundlage“, sagt Schön, „Wir sind gerade dabei, die Struktur zu überprüfen und erste Maßnahmen abzuleiten.“

Fest steht bereits jetzt: Der Trend geht hin zu mobilen Beratungseinheiten, die in den Kitas und Familienzentren Sprechstunden anbieten sollen. Also aufsuchende Arneit machen, wer so will, die Wege kurz und die Schwellen niedrig halten. Zudem will die Stadt wissen, warum die Schulabbrecherquote so hoch ist. „Förderschulen sind abgeschafft worden, Hauptschulen laufen aus. Wenn ich bei jungen Menschen bloß Frust erzeuge, sind Motivationsprobleme in der Schule die Konsequenz. Wir wollen besondere Förderbedarfe erkennen und davon überzeugen, zur Schule zu gehen und einen Abschluss zu machen.“ Wie bei allen inklusiven Strukturen gelte: „Wir müssen als Stadt alle notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen.“ Genau hinschauen, genau auseinandersetzen, genau argumentieren. Schön will sich bei Haushaltsverhandlungen dafür stark machen.

Ein weiterer wichtiger Punkt sei der Übergang von der Kita in die Grundschule. „In unseren Kitas wird hervorragende Elternarbeit geleistet. da sind die Kräfte ganz nah dran, wird zum Beispiel beim Elternkaffee gequatscht. Es muss uns künftig gelingen, diese wichtige Form der Elternarbeit in die Grundschulen zu übertragen. An dieser Bruchkante reißt es meist ab, das wollen wir verhindern.“ Ein dickes Plus: Der Jugendbeirat der Stadt sitzt mit in der Steuerungsgruppe. „Das ist NRW-weit einmalig“, sagt Schön. „Das hilft, die zweifellos großen Potenziale der offenen Kinder- und Jugendarbeit besser zu nutzen.“

Spätestens in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses im herbst wollen Schön und die Expertengruppen mit konkreten Handlungsempfehlungen auffwarten können.