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Brauchtum: Nach Tragödie: Schützen halten an ihren Kanonen fest

Brauchtum : Nach Tragödie: Schützen halten an ihren Kanonen fest

Nach dem schrecklichen Unfall in Marsberg wollen die Vereine ihren Brauch weiter pflegen.

Krefeld. Sowohl Bezirksbundesmeister Mike Kunze als auch der Chef des Krefelder Freicorps von Lützow, Manfred Schouren, sprechen von einem tragischen Ereignis. Sie meinen den unfassbaren Unfall am 11. Juli, bei dem zur Eröffnung des Marsberger Schützenfestes die gusseiserne Kanone geplatzt war und Metallteile den dahinter stehenden Schützenkönig, 30 Jahre alt, in der Bauchgegend trafen und tödlich verletzten.

Brauchtum: Nach Tragödie: Schützen halten an ihren Kanonen fest

Verantwortliche Schützen unserer Region sind davon tief betroffen. „Allerdings darf dies jetzt nicht dazu führen, dass unser gesamtes Brauchtum jetzt zur Disposition gestellt wird“, sagt der 39-jährige Mike Kunze, der den Bezirk Krefeld, Willich und Meerbusch mit angeschlossenen 15 Bruderschaften und rund 4000 Schützen anführt. „Nahezu täglich erreichen mich Anrufe aus halb Deutschland — von Menschen, die dazu etwas Näheres erfahren möchten“, meint der „Premier-Leutnant“ des 34 Mann zählenden Krefelder Freicorps, das die Erinnerung an den preußischen Generalmajor und Freiherrn Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow (1782 bis 1834) hochhält.

Das Corps hat zwei historische Kanonen in seinem Besitz, „Luisa“ und „Elisa“. Letztere war erst vor wenigen Monaten beim Bezirkskönigsschießen im Inrath nach langer Restauration eingeweiht worden. Und die neue Kanone auf preußisch-blauer Lafette, die den Namen der Freiherrn-Ehefrau „Elisa“ erhalten hatte, war vor wenigen Tagen bei der Totenehrung während des Willicher Schützenfestes auf dem Friedhof zu hören.

Manfred Schouren weist darauf hin, dass jeder, der die Kanonen bedient, im Besitz eines Schwarzpulver- und Böllerscheins sein muss. Bei seinem Corps seien dies acht Mann, die unter anderem einen dreitägigen Lehrgang in Sachsen-Anhalt gemacht hatten.

Nicht auszuschließen sei, so Schouren, dass es in Marsberg zu einer Materialermüdung gekommen sein könnte, auch wenn sich dies der 68-jährige frühere Außendienstler in einem Autochemie-Segment nicht so recht vorstellen kann. „Denn auch unsere beiden Kanonen waren zuletzt 2013 in einem alten Steinbruch in Bad Honnef mit dreifacher Ladung als normal getestet und anschließend fachmännisch überprüft worden“, begründet Schouren, der gespannt auf die polizeilichen Ermittlungen in Marsberg ist. Jedenfalls würden generell die Kanonen alle fünf Jahre strengstens überprüft, seine also wieder 2018.

„Wir wissen zum Beispiel nicht, wie die Marsberger Kanone verdämmt worden ist“, sagt Schouren, der seit über 20 Jahren der Corpsführer ist. Aus dem Rohr von Luisa würden bisher im Jahr zwischen 20 und 30 Kanonenschläge abgefeuert: „Und wir nehmen zur Verfestigung des Schwarzpulvers kein Weichholz oder Kork sondern Mehl, dann fliegt garantiert nichts durch die Gegend.“

Beim Neusser Schützenfest werde mit Kork verdämmt. Und als Pulver sei, so Schouren, das uralte Schwarzpulver besser geeignet, als die neue, mit einem Nitro-Gemisch versehene und viel gefährlichere Munition. Auch gäbe es Sicherheitsabstände; so dürfe es nicht sein, dass Unbefugte bei der Zündung zu nahe am Rohr stehen. Vorne am Rohr sowieso nicht.

„Sicherlich ist das Hobby sehr gefährlich, dies sind andere Freizeitaktivitäten auch, aber es darf jetzt nicht sein, dass Schützen jetzt als unverantwortliche Ballermänner hingestellt werden“, sagt Bezirksbundesmeister Mike Kunze. Auch der 39-jährige, der hauptberuflich Deutsch und Geschichte an einem Krefelder Gymnasium unterrichtet, weist auf die benötigten Ausbildungs- und Sprengstoffscheine hin.

Ähnlich sieht dies der Schießmeister des Allgemeinen Willicher Schützenvereins (ASV), Markus Kaules: „So schlimm und gerade für die Angehörigen entsetzlich und unfassbar die Ereignisse in Marsberg auch sind, es werden aber zum Beispiel auch nicht alle Porsche abgeschafft, wenn ein Fahrzeug mal einen schweren und verheerenden Unfall verursacht.“

Markus Kaulen ist seit langem selbst im Besitz der erforderlichen Scheine. Der ASV hat selbst eine intakte Traditionskanone, mit amtlichem Prüfsiegel. „Wir achten immer streng darauf, dass die Kontrollen sowie die Sicherheitsabstände und -radien eingehalten werden“, ergänzt Kaules. Beim gerade zu Ende gegangenen Willicher Schützenfest war nicht die eigene Hinterlader-Kanone, sondern „Elisa“ zum Einsatz kommen. Da sich Kaules und Manfred Schouren schon lange kennen, hatte der ASV-Schießmeister dem Corps den Gefallen getan, seine unlängst eingeweihte Kanone einmal im Einsatz vorstellen zu können. Gespannt warten die Verantwortlichen jetzt auf das Ergebnis der Ermittlungen in Marsberg.