Die Wunderpille gegen Demenz wird es nicht geben

Analyse : Die Wunderpille gegen Demenz wird es nicht geben

Vielschichtige Ursachen machen es der Forschung schwer. Aber auch dauerhafte Angst vor einer Erkrankung ist schädlich.

Alle 100 Sekunden erkrankt in Deutschland ein Mensch an Demenz, jedes Jahr gibt es mehr als 300 000 Neu­erkrankungen. Und weil demografisch bedingt wesentlich weniger Sterbefälle bereits Erkrankter verzeichnet werden, wächst die Zahl der Demenzkranken kontinuierlich. Derzeit sind es bundesweit rund 1,7 Millionen, allein in der Landeshauptstadt Düsseldorf geht man von rund 12.000 Demenzkranken aus. Angesichts dieser Zahlen ruhen große Hoffnungen auf den Erfolgen der Wissenschaft.

Doch von dort gab es zuletzt schlechte Nachrichten. „Medikamente, die schon kurz vor der Marktreife standen, sind 2018 und 2019 gescheitert“, sagt Prof. Holger Stark vom Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der Universität Düsseldorf. Ihre Wirkung bei Alzheimer-Demenz war am Ende doch nicht so erfolgreich wie erwartet, dazu gab es Probleme mit der Verträglichkeit.

Derzeit werden weltweit 64 Medikamente an Patienten geprüft, 26 stehen kurz vor der Marktreife. „Sie sind hilfreich, die Lebensqualität zu erhalten“, sagt Stark. „Aber sie verhindern nicht das Voranschreiten der Krankheit.“ Ein Problem sind die verschiedenen Demenzformen mit jeweils unterschiedlichen Ursachen. Viele Firmen haben sich inzwischen bereits wieder aus der Forschung zurückgezogen, nachdem sie über Jahre erfolglos hohe Summen investiert hatten. Dennoch glaubt Stark, dass es in zehn bis 15 Jahren hilfreichere Medikamente als heute geben könnte. Erst in der vergangenen Woche ist entschieden worden, dass ein Wirkstoff, der schon abgeschrieben war, doch noch mal ins Blickfeld rückt: Bei hoher Dosierung hatte er bestimmten Patienten helfen können.

Sehr spezifische Medikamente gegen einzelne Proteine

„Wir geben nicht auf, aber es wird keine Wunderpille geben“, stellt Prof. Tillmann Supprian vom LVR-Klinikum Düsseldorf klar. Wahrscheinlicher seien sehr spezifische Medikamente gegen einzelne Proteine, die sich im Gehirn ablagern und damit jeweils besondere Demenzformen auslösen. Im Haus der Universität sind an diesem Dienstagnachmittag mehrere Vertreter des jungen Netzwerks Demenzforschung Düsseldorf zusammengekommen, um vor vollbesetzten Reihen einen Überblick über den Stand der Wissenschaft zu geben.

Supprian, der sich intensiv mit Fragen der Diagnostik befasst, stellt auch klar: „Die dauernde Beschäftigung mit der Sorge, dass ich Demenz bekommen könnte, ist schädlich.“ Die große Angst vor einer drohenden Demenz sei mittlerweile ein gesellschaftliches Problem. Die oft als Alarmzeichen gedeutete Namensvergesslichkeit sei jedenfalls in der Regel ein normaler Alterungsprozess des Gehirns. „Interessant wird es, wenn wir selbst Veränderungen nicht mehr bemerken, sondern unser Umfeld.“

Aber so schwierig die Therapie, so schwierig oft auch schon die Diagnose: „Es gibt nicht den einen Test.“ Und einerseits strebt die Forschung danach, die Diagnostik vorzuverlegen in den Zeitraum, in dem sich noch gar keine Symptome zeigen. Andererseits stellt sich dabei die ethische Frage: Hilft dieses Wissen einem jungen Menschen, wenn er der Erkrankung dann doch nicht ausweichen kann? Da kommen die Hinweise auf den Lebenswandel ins Spiel, der zumindest Einfluss auf den Verlauf nehmen kann.  Körperliche Aktivität jedenfalls hilft.