1. Kultur

Spazieren gehen - die aus der Corona-Not (wieder-) entdeckte Aktivität

Mit kleinen Schritten zu großen Sprüngen : Der Spaziergang – eine Wiederentdeckung in der Corona-Not

Private Treffen und Sport sind kaum möglich. Um der Enge des Zuhause zu entfliehen, bleibt immerhin noch der Spaziergang oder dessen große Schwester, die Wanderung. Gedanken zu einer aus der Not der Pandemiebekämpfung geborene (Wieder-) Entdeckung.

Verweilverbot – das ist ein garstiges Wort, mit dem zum Beispiel die Stadt Düsseldorf an diesen Pandemie-Tagen die Menschen drangsaliert. Nicht einmal an der frischen Luft darf man stehen oder sitzen bleiben. Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Aber dieses Weiter-Gehen immerhin, der Spaziergang, das ist doch auch etwas Positives, das manch einer dank Covid-19 für sich (wieder-) entdeckt hat. In zwei Varianten: Der Ausflug zu zweit – gern auch mit Picknick! – als Ersatz für die aus Infektionsschutzgründen weggefallene Gelegenheit, sich in der Kneipe, im Restaurant oder zuhause zu treffen. Oder der Spaziergang allein. Jedenfalls: „…endlich entflohn des Zimmers Gefängnis…“, wie Friedrich Schiller schon 1795 dichtete und damit unser aller Lockdowntrauma vorwegnahm.

Mit dieser für manch einen aus der Not geborenen Aktivität rückte in den vergangenen Monaten sogar eine Wissenschaft in den Blickpunkt, die doch tatsächlich „Spaziergangswissenschaft“ oder auch „Promenadologie“ heißt. Was, auch so etwas gibt es? Tipps, wie man „richtig“ spazieren geht? Lustwandeln für Anfänger? Ratgeber gibt es schließlich für alles, warum nicht auch hier: welche Kleidung, welches Schuhwerk, welches Tempo, wie soll ich die Füße abrollen...

Spaziergangswissenschaft - ja, sogar das gibt es

Nein, so etwas „klärt“ die Spaziergangswissenschaft ganz und gar nicht. Der in den 1980er Jahren von dem Schweizer Soziologen Lucius Burckhard begründete Wissenschaftszweig ist ein Ansatz für eine bessere Stadtplanung. Der einleuchtende Gedanke: Durchqueren wir mit großer Geschwindigkeit, mit dem Auto oder dem Motorrad die Straßen, die Landschaft, so wird diese abstrakt, gleitet verwischt an uns vorüber. Nur wer sich gehend und damit langsam den Raum erschließt, kann über diesen Raum eine zuverlässige Aussage machen. Kann sagen, was hässlich, was schön, was für den Stadtbewohner nützlich, angenehm oder hinderlich ist. „Spazierengehen schafft Schönheit“ sagte Burckhard und meinte damit: Nur, wenn man die Architektur und Stadtplanung nicht als Schreibtischwissenschaft betreibt, wenn der Stadtplaner also den Raum erschreitet und genau hinschaut, lassen sich Stärken und Schwächen dieses Raumes entdecken. Und damit die Basis für planerische Verbesserungen schaffen. Und so ist es gemeint, dass das Spazierengehen am Ende Schönheit schafft. Jedenfalls: den Spaziergangswissenschaftlern geht es um die Gestaltung und allenfalls mittelbar nach einer am Ende gelungenen Planung und der Umgestaltung des Umfelds auch um das Wohlbefinden der Menschen. Diese Wissenschaft führt also nicht weiter bei dem Gedanken, was uns eigentlich nach draußen treibt in diesen Pandemiezeiten.

Beim Spaziergang zu zweit ist es das so ermöglichte schmerzlich vermisste Zusammensein, der Gedankenaustausch. Und wer allein geht, für den spielt sicherlich die Bewegung an der frischen Luft eine Rolle. In Zeiten, da wir alle mehr oder weniger eingeschlossen sind in unseren vier Wänden und auch Sport nur sehr begrenzt möglich ist. Bei den „Einzel-Gängern“ lassen sich aber noch zwei Subtypen unterscheiden:

Bei den „Einzel-Gängern“ begegnen wir zwei Subtypen

Die einen, die sich so verhalten, wie sie es auch sonst tun. Abgelenkt, berieselt. Kopfhörer in oder auf den Ohren. Musik oder ein Podcast überdecken nicht nur die Außengeräusche, sondern übertönen auch die für manch einen schwer auszuhaltende innere Stille. Damit lassen sie freilich einen ganz wesentlichen Teil des Spaziergangs ungenutzt: das Einlassen auf die Natur, auf ihre Geräusche. Oder, wenn es eine Reise durch bislang unentdeckte Nebenstraßen in der Nachbarschaft ist: das bewusste Wahrnehmen all der schönen oder hässlichen, jedenfalls all der bemerkenswerten Besonderheiten.

All das rauscht an einem vorbei, überdeckt von den Eindrücken aus dem Kopfhörer. Diese Art von Spaziergänger tritt nicht in Resonanz mit dem durchquerten Raum und seinen Überraschungen, wie es der Soziologe Hartmut Rosa ausdrücken würde. Und übrigens auch nicht mit den Menschen, die einem über den Weg laufen und deren freundliches Hallo ungehört verhallt.

Der Kopf wird frei - und damit zum Landeplatz für Ideen

Die andere Subspezies der „Einzel-Gänger“ lässt die Kopfhörer zuhause, öffnet sich nicht nur dem durchschrittenen Raum und seinen Besonderheiten, sondern es geschieht noch etwas anderes. Etwas, vor dem manch einer zunächst einmal zurückschreckt, von dem er oder sie nichts wissen will: Das Auseinandersetzen mit sich selbst, dem Auf-Sich-Selbst-Treffen. Dabei ist die langsame Bewegung, der selbst gesetzte Takt der Schritte geradezu der ideale Nährboden für Ideen, für Einfälle, für gedankliche Zufälle. Manchmal, vielleicht in den meisten Fällen, mögen sie wirr und ungeordnet daherkommen, diese Gedanken, für die sonst in unserer Welt kontinuierlicher Ablenkung kein Platz ist. Dann ist er in dieser Hinsicht fruchtlos, der Spaziergang oder auch seine große Schwester, die Wanderung. Nichts lässt sich erzwingen. Es bleibt aber auf jeden Fall die Bewegung, die frische Luft und der Segen des Abschaltens. Zuweilen indes bietet gerade die Stille im Kopf einen Landeplatz für eine kleine oder auch eine große Idee. Und dann kann es sein, vielleicht, dass kleine Schritte am Ende zu großen Sprüngen führen.