Theater-Premiere: D’Haus zeigt Schicksals-Häppchen aus einem Luxus-Hotel

Theater-Premiere: D’Haus zeigt Schicksals-Häppchen aus einem Luxus-Hotel

Düsseldorfer Schauspielhaus: Saisonstart mit Vicki Baums Erfolgsroman „Menschen im Hotel“.

Und ewig dreht sich die Karusselltür in einem Luxus-Hotel. Im Berlin der späten 1920er Jahre. Und befördert Gäste ins Foyer, manche direkt an die Hotel-Bar. Die alternde Primaballerina Grusinskaya, den hübschen und bankrotten Baron von Gaigern, den Generaldirektor Preysing, den Buchhalter Kringelein und die schmiegsame Schreibkraft Fräulein Flamme, in Chefetagen ‚Flämmchen’ genannt. Ein Panoptikum von Figuren der nicht nur Goldenen Zwanziger Jahre präsentiert Sönke Wortmann in „Menschen im Hotel“. Der Film- und TV-Regisseur (zuletzt der ARD-Serie „Charité“) lässt für die erste Premiere der Saison von Ausstatter Florian Etti sogar eine klotzige Hotelhalle in Grau-Schwarz aus Glas und Metall mit Rezeption und mächtigen Ledersesseln auf die große Drehbühne des Düsseldorfer Schauspielhauses bauen. Letztere ist permanent in Bewegung in Wortmanns Theaterfassung des gleichnamigen Großstadt-Romans, den Vicki Baum (1888-1960) vor 90 Jahren, kurz vor ihrer Emigration in die USA, geschrieben hat. Regisseur und einige exzellente Schauspieler (Stefan Gorski, Torben Kessler, Lieke Hoppe und Karin Pfammatter) wurden nach der Premiere ausverkauften Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz herzlich gefeiert.

Zwar ist dieser Platz noch nicht zu erkennen. Wegen der Jahrzehnt-Baustelle am Kö-Bogen, an der vermutlich noch zwei Jahre gearbeitet wird. Und das denkmalgeschützte Theater-Gebäude verhüllt sich derzeit noch in Plastik-Planen und ist nur über Umwege durch den Hofgarten zu erreichen. Doch nach Kassenschlagern, wie dem Musical „Lazarus“ und „Sandmann“, soll auch „Menschen im Hotel“ Besucher an den Ort locken, der ab September 2019 wieder Haupt-Spielstätte sein soll.

Einen Theaterabend mit packender Handlung und Charakteren, mit rotem Faden und zwingendem Spannungsbogen bietet Wortmanns atmosphärische Inszenierung (Bühnenfassung: Stephan Kaluza) sicherlich nicht. Kann man bei einem Kolportage-Roman mit lauter Trivialitäten und Sozialkitsch auch kaum erwarten. Eher einen Reigen von Figuren quer durch die Gesellschaft, den Wortmann durch vitale Personenregie Leben einhaucht. Bosse, Buchhalter und Banditen kommen an, bleiben kurze Zeit und verschwinden wieder, meist auf Nimmerwiedersehen. Es sind nicht mehr als Momentaufnahmen und Schicksals-Häppchen, die sich zu einem in Maßen unterhaltsamen Abend zusammenfügen. Begleitet von einlullender Musik, Bar-Pianist und einer sanften, weiblichen Stimme aus dem Himmel, die erzählt und kommentiert. Könnte fast die über alles wachende Vicki Baum sein.

Wie bei täglichen Seifenopern guckt man kurz durch zahlreiche Schlüssellöcher der Zimmer und Suiten, sieht beispielsweise, wie sich die reife Ballerina Grusinskaya (überzeugend: Karin Pfammatter) vor Einsamkeit und Selbstzweifeln an der Schampus-Flasche festkrallt und nur zu gerne von dem attraktiven Jung-Freiherrn von Gaigern umschmeicheln lässt. Denn der elegante Blaublüter in kobaltblauem Zwirn hat Schulden und nähert sich der ‚alten Frau’ (wie er sagt), um an ihr sündhaft teures Perlencollier zu kommen, das er versilbern muss. Doch der Baron verliebt sich in sie. Plötzlich. Das soll mal einer glauben! Stefan Gorski - jung, wendig und schneidig - gibt sich alle Mühe, diese Partie zu retten. Er versucht, die Läuterung vom gerissen scharwenzelnden Schlitzohr zum Ehrenmann mit weichem, großem Herz glaubhaft zu machen. Das beweist er auch in Szenen, in dem er den todkranken Buchhalter Kringelein trifft. Der Kleinbürger aus dem Bilderbuch (leicht verstrahlt: Torben Kessler) will es vor seinem Tod noch einmal krachen lassen, wirft sich, mit Hilfe des Barons, in Party-Abenteuer, Kokain und Glücksspiel, bei dem er 8 000 Mark gewinnt. Von Gaigern stiehlt ihm die Börse. Das liegt auf der Hand. Weniger indes, dass er sie unerwartet dem armen Kringelein zurückgibt.

Neben den wütenden Tiraden von Kringelein gegen seinen Chef Preysing (Peter Jordan) stechen besonders die Szenen mit Lieke Hoppe als ‚Tipse’ und Sex-Dienstleisterin Flämmchen hervor. Schnoddrig redet sie so, wie ihr das Berliner Maul gewachsen ist, rechtfertigt ihre Liebesdienste mit Existenzangst. Und balanciert zwischen dreister Direktheit und behutsamer Eleganz.

Am Ende von zweieinhalb Stunden im Hotel denkt man an die Selbst-Erkenntnis aus Vicki Baums „Erinnerungen – Es war alles ganz anders“ (neu aufgelegt bei Kiepenhauer und Witsch). Darin bezeichnet sie sich als „erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte“.

Mehr von Westdeutsche Zeitung