WM 2018: Nationalismus und Rassismus bei der WM: Ein Stadion ist kein rechtsfreier Raum

WM 2018: Nationalismus und Rassismus bei der WM: Ein Stadion ist kein rechtsfreier Raum

Der Sportphilosoph Dr. Elk Franke über Nationalismus und Rassismus bei der WM.

Die WM produziert jeden Tag viele bunte Bilder — aber sie hat auch ein hässliches Gesicht. Mobbing, Nationalismus, Rassismus. Ein Fall für eine Sprechstunde bei einem der führenden deutschen Sportphilosophen, Professor Dr. Elk Franke. Erschreckt es Sie, dass …

… auch in Deutschland versucht wird, die WM als Plattform zu nutzen, nationale Tendenzen zu transportieren?

Nein, denn Sport allgemein und der Fußball im Besonderen haben eine Bedeutung, die weit über das Handeln auf dem Rasen reicht. Wie beim Schweizer Käse verträgt er durch seine großen Löcher eine politische oder ökonomische Instrumentalisierung, ohne seinen Geschmack zu verlieren. Die Grenze solcher ideologischen Verwertung wird immer dann überschritten, wenn nicht das Handeln auf dem Platz die Grundlage der Bewertung abgibt, sondern Herkunft, Hautfarbe oder politische beziehungsweise naiv-unpolitische Einstellung seiner Akteure.

… in einem WM-Stadion homophobe und rassistische Beleidigungen ertönen?

Ein Stadion ist kein rechtsfreier Raum, aber ein Raum mit eigenen Rechten. Durch die Polarisierung im Wettkampf, die Anonymität in der Masse und die Möglichkeit der bruchlosen Identifizierung des Zuschauers als zwölften Manns mit seiner Mannschaft kann eine besondere Gemeinschaft des Spektakels entstehen. Eine große Bedeutung haben dabei, wie jeder Stadionbesucher weiß, die Sprechchöre der Fans. Ihre oft beleidigenden Inhalte wurden lange mit Verweis auf die besondere Welt innerhalb des Stadions entschuldigt. So wurden noch bei der WM 2014 ähnliche Sprechchöre mexikanischer Fans toleriert. In diesem Jahr musste die Fifa im Kontext ihrer Anti-Diskriminierungs-Kampagne die nationalen Verbände Mexikos und Argentiniens für die verbalen Entgleisungen ihrer Fans mit Geldbußen bestrafen — eine längst überfällige Maßnahme.

… kroatische Fans und Spieler faschistische Lieder grölen, um einen Sieg zu feiern?

Faschistische Lieder müssen einen immer erschrecken, wobei die Hintergründe manchmal nicht unwichtig sind. Kroatien besitzt ebenso wie die Ukraine eine faschistische Tradition, die anders als bei uns oder in Italien als Befreiungsbewegung konserviert worden ist. Im Rücken der Globalisierung erfährt der populistische Nationalismus eine unerwartete Auferstehung und schleichende Anerkennung. Wenn der Sänger Tompson in Kroatien antisemitische und antiserbische Lieder singt und zum Volkshelden in vollen Stadien wird, werden faschistische Gedanken über eine schlichte Symbolik wieder hoffähig gemacht. Ähnlich wie im Internet ist auch die Fußballwelt zwar eine Welt in der Welt, aber sie befindet sich nicht außerhalb unserer durch die Verfassung geschützten Zivilgesellschaft. Entsprechend ist es eine überfällige Verpflichtung aller Verantwortlichen, sich dieser Herausforderung zu stellen und neben dem Aussprechen von Verboten auch auf die Folgen eines solchen Denkens zu verweisen.

… die Schweizer Shaqiri und Xhaka so milde für ihren Doppeladler-Jubel davonkamen?

Im Gegensatz zu faschistischen Symbolen, die oft ohne Kontextwissen allein um der Provokation willen verwendet werden, ist der gezeigte Doppeladler der zwei Spieler mit kosovarischer Herkunft in der Schweizer Nationalmannschaft im Spiel gegen Serbien eine bewusste politische Aussage. Als unmissverständliche einseitige politische Aussage innerhalb eines sportlichen Wettkampfes muss dies eigentlich zweifelsfrei ein wirkungsvolles Disziplinarverfahren durch die FIFA nach sich ziehen.

… dass Serbiens Trainer Mladen Krstajic den deutschen Schiedsrichter Felix Brych vor ein Kriegsverbrechertribunal stellen wollte?

Bei einem solchen endscheidenden Spiel liegen die Nerven blank. Den Schiedsrichter verantwortlich zu machen für den erlittenen Nachteil gehört zur Selbstrechtfertigung im Fußballalltag. Völlig unannehmbar ist jedoch der Vergleich durch einen Nationaltrainer mit dem Kriegsverbrechertribunal. Ein Satz wie „Ich würde ihn nach Den Haag schicken, damit man ihm den Prozess macht, wie man uns den Prozess gemacht hat“ zeigt, wie dünn mitunter das Eis ist, auf dem nationale Wettkämpfe unter dem offiziellen Fair-Play-Motto stattfinden.

Mehr von Westdeutsche Zeitung