1. Sport
  2. Fußball

Flick braust nach DFB-Krisentreffen wortlos davon – Ausgang offen​

Analyse nach WM-Debakel : Flick braust nach DFB-Krisentreffen wortlos davon – Ausgang offen

Das WM-Analyse-Treffen von Neuendorf, Watzke und Flick verläuft als Geheimaktion. Das Ergebnis bleibt zunächst im Dunklen. Aus Berlin meldet sich ein heiß gehandelter Bierhoff-Nachfolger.

Hansi Flick steuerte sein Auto aus der Tiefgarage und brauste wortlos davon. Ob er das nach dem rund zweistündigen WM-Krisengipfel mit der DFB-Spitze noch als Fußball-Bundestrainer tat, blieb am Mittwoch in der Dunkelheit außerhalb Frankfurts zunächst offen. Verbandspräsident Bernd Neuendorf und der mächtige DFL-Aufsichtschef Hans-Joachim Watzke blieben am Tagungsort. Auf eine offizielle Erklärung wurde gewartet.

Vor der WM-Analyse der Dreierrunde hatte es ein Versteckspiel gegeben. Vergebens warteten Reporter und Fotografen am Frankfurter DFB-Campus auf Neuendorf, DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke und Flick. Doch das Trio hatte sich zur Aufarbeitung des deutschen WM-Scheiterns in Katar in einem neun Kilometer entfernten Luxushotel außerhalb Frankfurts verabredet, in dem das Nationalteam öfter vor Länderspielen logiert.

Fotos der „Bild“-Zeitung zeigten, wie Flick mit Handy in der einen und Jacke in der anderen Hand zum Hoteleingang schritt. Neuendorf hatte eine Aktentasche dabei. Und Watzke kam mit einem silbernen Rollkoffer. Später wurde Flicks Auto in die Tiefgarage gefahren. Den Vorderausgang wollte er wohl nicht mehr benutzen. Auf der Agenda im DFB-Konferenzraum stand die Neuaufstellung der Teamführung auf dem Weg zur Heim-Europameisterschaft 2024. „Wir müssen den Blick nach vorne richten“, hatte Verbandschef Neuendorf gesagt.

Watzke und er gingen dem Vernehmen nach mit der grundsätzlichen Bereitschaft in den Austausch mit Flick, diesem die Nationalelf auch weiterhin anzuvertrauen. Der im Sommer 2021 geschlossene Vertrag mit dem 57-Jährige hat eine Laufzeit bis nach der EM 2024. Neuendorf hatte nach dem WM-Aus in Katar auch nicht ausgeschlossen, dass es über die erste WM-Analyse hinaus weitere Gespräche über die Zukunftsgestaltung geben könnte.

Ursprünglich war die Krisen-Runde als Vierer-Treffen geplant. Doch mit der rasend schnell erfolgten Demissionen von DFB-Direktor Oliver Bierhoff war bereits zu Wochenbeginn eine erste personelle Konsequenz gezogen worden. Die Woche der Entscheidungen im deutschen Fußball geht aber noch weiter. Als Königsmacher gilt dabei vielen Dortmund-Chef Watzke. Beraten und diskutiert wird dabei auf vielen Ebenen und in etlichen Fußball-Gremien.

Am Donnerstag tagen die Präsidenten der Landesverbände mit DFB-Chef Neuendorf. Auf vier Stunden ist die Sitzung angesetzt. Die Amateure wollen wissen, wie es weitergeht. Eine erfolgreiche Nationalmannschaft ist wichtig für die Arbeit an der Basis. Es geht dabei auch ums Geld. Mit dem WM-Viertelfinale war kalkuliert worden. Acht Millionen Euro an FIFA-Prämien fehlen nach dem Vorrunden-Aus. Nachmittags konferiert der Aufsichtsrat der DFB GmbH. Am Freitag folgen Sitzungen des DFB-Präsidiums und des DFB-Vorstandes.

Geklärt werden muss auch die Bierhoff-Nachfolge. Der medial stark gehandelte Ex-Nationalspieler Fredi Bobic winkt derzeit ab. „Ich habe einen Job, ich fühle mich sauwohl bei Hertha“, sagte der Sport-Geschäftsführer des Berliner Bundesligisten am Mittwoch. Der 51 Jahre alte Europameister von 1996 riet dem DFB bei einem Pressegespräch eindringlich dazu, sich zunächst „um die Inhalte, um Profile“ zu kümmern - und nicht um Personen.

Viel WM-Fußball hat Flick nicht mehr geschaut seit der Rückkehr aus Katar. Als zentrale Erkenntnis seiner Analyse stand, dass viel mehr drin gewesen wäre bei seinem ersten Turnier als Bundestrainer - trotz der negativen Schwingungen abseits des Platzes wie die übergroße Katar-Debatte mit der „One Love“-Kapitänsbinde.

Keine Mannschaft verzeichnete in der Gruppenphase mehr Torschüsse als die deutsche, nämlich 69. Aber es landeten nur sechs im Tor. Das Nationalteam kam nicht in den von Flick spätestens in der K.o.-Phase erwarteten Turnier-Flow. „Die Summe der Spiele hat dazu beigetragen, dass wir ausgeschieden sind“, analysierte der Bundestrainer.

Mit dem Aus von Japan und Spanien im Achtelfinale hat sich allerdings auch die Stärke der deutschen Vorrunden-Gruppe im Nachhinein relativiert. Das war übrigens auch schon bei der missglückten EM 2021 unter Joachim Löw der Fall gewesen: Die Mitglieder der Hammer-Gruppe Deutschland, Frankreich und Portugal flogen vor einem Jahr alle im Achtelfinale raus.

Der Blick muss aber nach vorne gerichtet werden. Die Heim-EM in anderthalb Jahren eröffnet die Chance, die Nation wieder hinter der Nationalmannschaft zu versammeln. Neuendorf und Watzke könnten auch zum Ergebnis gekommen sein, dass ein Neuanfang mit einem anderen Trainer angeraten ist. Thomas Tuchel ist aktuell ohne Job. Und Stefan Kuntz, derzeit Nationaltrainer der Türkei, hatte in der Vergangenheit großen Erfolg mit der U21.

Flick hatte - noch in Katar - große Lust auf die EM verströmt: „Mir macht es Spaß. Wir haben eine gute Mannschaft, gute Spieler, die nachkommen.“ Er hat in 16 Monaten eine enge Verbindung zu seiner Mannschaft aufgebaut. Er war aber auch ganz besonders eng mit Bierhoff verbunden, der dann noch vor der WM-Analyse seinen Posten räumen musste.

Für Flick war das ein Schlag. Er empfindet die Fokussierung der Schuld auf seinen Freund und Vertrauten als Wahnsinn. Tief ließ Flicks öffentliches Statement blicken: „Meinem Trainerteam und mir fällt im Moment die Vorstellung schwer, wie die durch Olivers Ausscheiden entstehende Lücke fachlich und menschlich geschlossen werden kann.“ Daraus konnte auch gelesen werden, dass Flick nicht jeden Nachfolger akzeptieren würde.

„Es war jetzt Zeit, dass jemand anderes kommt“, sagte ARD-Experte Bastian Schweinsteiger zur Demission von Bierhoff nach 18 DFB-Jahren. Der Weltmeister von 2014 wünscht sich nahe am Team einen Nachfolger, „der vielleicht unbequemer ist für die Spieler, vor dem die Spieler auch Respekt haben“. Womöglich ein Kontra-Punkt zum Harmonie getriebenen Flick?

(dpa)