Landesjugendheim: Gequält und gedemütigt

Landesjugendheim: Gequält und gedemütigt

Peter Laxy (71) kam als 15-Jähriger ins Erziehungsheim. Die schlimme Zeit hat ihn geprägt.

Krefeld. Heimelig sieht es im Wohnzimmer von Peter Laxy aus. Fotos von fünf Generationen hängen an der Wand. Großeltern, Eltern, Kinder, Enkel. Auch er selbst ist zu sehen. Als Junge, als Mann mittleren Alters, als Rentner. Die Familie ist ihm wichtig. "Wollen Sie alles erzählt bekommen, richtig von Anfang an?"

Eine brummige, aber doch freundliche Stimme hat der 71-Jährige, der in einem Haus in einem Ort südlich von Köln wohnt. Drei Jahre seines Lebens verbrachte Peter Laxy in Fichtenhain, von 1953 bis 1955. Das Rheinische Landesjugendheim in Krefeld wurde kurz nach dem Krieg gegründet. Peter Laxy wurde als 15-Jähriger dorthin gebracht. Er hatte der Mutter hundert Mark gestohlen und sich damit zu seinem Onkel abgesetzt.

"In Handschellen hat man mich transportiert." Seine Kleidung wurde ihm abgenommen. Stattdessen bekam er eine alte französische Militäruniform. In den ersten Wochen musste er Kartoffeln schälen, zehn Eimer am Tag. Wenn in einer Kartoffel noch ein Auge war, kippte der Aufseher den Eimer um, und die Arbeit begann von neuem. Später musste der Junge Rüben stechen, bei Frost Rosenkohl ernten, Kühe melken. Mit nackten Füßen stampfte er Weißkohl zu Sauerkraut. Auch zog er wochenlang eine Handkarre, als ein Sportplatz gebaut wurde.

Peter Laxy zeigt die Kopie einer vergilbten Karteikarte. Mehr ist in dem Archiv des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), der Träger des Heimes war, nicht über ihn gefunden worden. Sein Name, Aufnahme- und Entlassdatum sind auf dem Dokument vermerkt. In einer extra Spalte sind die Tage aufgeführt, an denen er "entwichen" war. Drei Mal ist er abgehauen, drei Mal wurde er wieder eingefangen.

Für jeden Tag, den er weg war, musste er zwei Tage in die Arrestzelle. Diese war etwa zwei mal zwei Meter groß. Ein Fenster gab es nicht, nur ein kleines Luftloch an der Decke. Ein faustgroßes Stück Brot und eine Tasse Getreidekaffee gab man ihm pro Tag. Nachts schlief er auf einem schmalen Betonsockel. Dafür bekam er eine dünne Wehrmachtsdecke, die er morgens wieder abgeben musste. Tagsüber durfte er nicht sitzen. Einmal war er eine ganze Woche in jenem Bunker.

Wenn Peter Laxy von den Tagen im Arrest berichtet, beginnt der Wohnzimmertisch zu vibrieren. Obgleich seine Erlebnisse schon mehr als 50 Jahre vergangen sind, können die Hände dann nicht ruhig auf der Tischplatte liegen.

Schlimm war auch die Prügel, berichtet der Mann mit brüchiger Stimme. Schläge und Tritte gab es fast täglich. Manchmal aber war es besonders arg. Als Disziplinierungsmaßnahme war es üblich, dass die Aufseher Jugendliche mit Zigaretten bezahlten, damit diese anderen Jungs eine Abreibung verpassten. "Da kam der Heilige Geist", zitiert Peter Laxy seine Peiniger.

Im Schlaf fesselten ihn seine Kameraden ans Bett, schlugen ihn mit nassen Lederpantoffeln, die in Handtücher gewickelt waren. Laxy trug einen Nasenbeinbruch von dieser Bestrafungsaktion davon. Ein anderes Mal zog ihn ein Angestellter des Heimes an den Brustwarzen empor, so dass er bleibende Gewebeschäden davontrug.

Mit 18 Jahren wurde der Heranwachsende entlassen. Als er vor der Wohnung seiner Mutter stand, wollte diese nichts von ihm wissen. "Ich habe keinen Sohn", habe sie gesagt. Jahrelang schlug sich Laxy als Hilfsarbeiter durch. Einen Jungen aus Fichtenhain wollte kein Betrieb als Lehrling einstellen. Erst in den 1970er Jahren wurde er heimisch, heiratete und hatte auch beruflich Erfolg. Inzwischen hat er seinen Handwerksbetrieb seinem Stiefsohn übertragen.

"Ich habe spät dann doch noch mein Glück gefunden", sagt Peter Laxy und schaut auf seine Frau, die neben ihm sitzt. Gerade weil er als Kind nie eine richtige Familie hatte, sind ihm seine Frau, sein Sohn und die Enkelkinder so wichtig. Schon vor Kriegsende, als Sechsjähriger, war er von seinen Eltern getrennt. In der damals sogenannten Kinderlandverschickung sollten Minderjährige dem Bombenkrieg entgehen. Doch auch die Flucht des kleinen Jungen zu Fuß aus Ostpreußen wurde zu einem Trauma.

Nur bruchstückhaft kann Peter Laxy davon berichten. In den Wirren der letzten Kriegswochen habe er seine Mutter wiedergetroffen. Doch die strenge, kühle Frau blieb dem Jungen fremd. Auch als der Vater aus dem Krieg kam, wollte die Familie nicht wieder zusammenwachsen. Dass er seine Mutter bestohlen habe, möchte Peter Laxy nicht beschönigen. "Aber ich habe hart dafür bezahlt."