Isolierte Familie in Ruinerwold: Kinder gegen ihren Willen festgehalten

War Wiener Sektenmitglied? : Isolierte Familie in Ruinerwold - Kinder gegen ihren Willen festgehalten

Die Polizei geht nun davon aus, dass die sechs Kinder gegen ihren Willen festgehalten wurden. Der 67 Jahre alte Vater wurde festgenommen. Zeugen berichten über die rätselhafte Familie und eine Sekte. Profile auf Facebook und Instagram geben Hinweise.

Im rätselhaften Fall der isolierten Familie auf einem Bauernhof in den Niederlanden richten sich die Ermittlungen nun auch gegen den Vater. Der 67-Jährige wurde ebenso festgenommen wie zuvor der österreichische Mieter des Hofes. Beide Männer stehen unter Verdacht, die sechs heute erwachsenen Kinder der Familie gegen deren Willen auf dem Gehöft im Dorf Ruinerwold festgehalten zu haben. Neun Jahre lang sollen sie dort völlig isoliert gehaust haben. Die Männer werden der Freiheitsberaubung, Misshandlung und Geldwäsche verdächtigt, wie die Polizei am Donnerstagabend in Assen in der ost-niederländischen Provinz Drenthe mitteilte.

„Wir denken, dass die sechs Personen dort nicht aus freiem Willen gelebt haben“, sagte Polizeisprecherin Nathalie Schubart der Deutschen Presse-Agentur. Die Gründe sind zwar weiter unklar. Aber nach der eingehenden Durchsuchung des Hofes und Vernehmungen schließt die Polizei nicht aus, dass die Hintergründe in einer Art Sekte liegen könnten. Es werde untersucht, ob „eine bestimmte Lebens- oder Glaubensüberzeugung“ zu der Lebenssituation der Jugendlichen geführt habe.

Mindestens der Vater war Mitglied einer Sekte

Zumindest der Vater war Mitglied einer Sekte. Ein Sprecher der sogenannten Vereinigungskirche des selbst ernannten und bereits verstorbenen koreanischen „Messias“ Sun Myung Moon bestätigte, dass der Mann vor Jahren Mitglied gewesen sei.

Zu der Familie sollen noch drei weitere Kinder gehören. Sie seien bereits vor acht Jahren geflohen, hieß es in einer Erklärung von Angehörigen, die niederländische Medien veröffentlichten. Danach hatte der Vater schon vor Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen.

Im 4000-Einwohner-Dorf Ruinerwold herrsche „Fassungslosigkeit und Ohnmacht“, sagte der Bürgermeister der Kommune De Wolden, Roger de Groot, in der Nacht zum Freitag. „Offensichtlich ist es möglich, dass eine Familie so lange unter dem Radar bleiben kann.“

Auf dem abgelegenen Hof in der Provinz Drenthe hatten die Ermittler auch eine große Summe Bargeld sichergestellt. Da die Herkunft nicht bekannt ist, wird der 67-jährige Vater auch der Geldwäsche verdächtigt. Einen Betrag nannte die Polizei nicht.

Die Kinder im Alter von 18 bis 25 Jahren würden versorgt und seien an einem sicheren Ort, sagte die Polizeisprecherin. Der Vater werde der Misshandlung verdächtigt, da er möglicherweise den Kindern ärztliche Versorgung vorenthalten habe.

Der Österreicher und der Vater der Familie waren nach Angaben einer früheren Nachbarin bereits seit gut 15 Jahren befreundet. Sie waren gemeinsam Inhaber eines Spielzeugladens im nahe gelegenen Zwartsluis. Das Geschäft, das seit 2010 geschlossen ist, war am Mittwochabend von der Polizei durchsucht worden. Auch ein weiterer Betrieb des Vaters war durchsucht worden.

Profile des 25-jährigen Sohnes auf sozialen Medien werfen Fragen auf

Der 25-jährige Sohn, dessen Besuch im Gasthaus „De Kastelein“ zur Entdeckung der isolierten Familie führte, soll seit Mai diesen Jahres auf den sozialen Medien aktiv sein. Niederländische Medien berichten von einem Facebook-Profil, auf dem der 25-Jährige seit Juni Beiträge veröffentlicht haben soll. Auf dem Profil findet man viele Naturfotos, etwa ein Album mit dem Titel „Bäume um mich herum“ - mindestens ein Bild wurde aus einem Dachfenster aufgenommen, andere entstanden vor einem Holzzaun. Es finden sich darauf jedoch auch Beiträge zu Klimastreiks und Verweise auf die Arbeit des 25-Jährigen. So verkaufte er im Juni auf der Anzeigenwebsite marktplaats.nl begleitet von den Worten „Unser erstes Produkt!“ einen Durchlauferhitzer mit Holzverkleidung. Wann das Profil erstellt wurde und ob es tatsächlich von dem jungen Mann angelegt wurde, bleibt unklar.

Unter dem gleichen Usernamen lässt sich auch ein Instagram-Account finden, die ersten Bilder – Selfies des jungen Mannes – wurden im Juli geteilt. Die letzten Posts zeigen dagegen den Besitzer der Kneipe „Kastelein“, Chris Westerbeek, zu dem der 25-Jährige offenbar Vertrauen fasste. Ihm vertraute er an, dass er weggelaufen sei und Hilfe benötigte. Der Kneipenbesitzer rief daraufhin die Polizei.

Es bleiben viele offene Fragen. So auch, warum auf der Facebook-Seite des jungen Mannes ein anderes Instagram-Profil verlinkt ist, als das, welches man unter seinem Namen findet. Auf diesem Profil wurde lediglich ein Foto im August 2017 gepostet - also zwei Jahre vor seiner Aktivität auf den anderen Profilen.

(lha/dpa)
Mehr von Westdeutsche Zeitung