Das Rätsel um die niederländische Familie auf dem Bauernhof in Ruinerwold

Neun Jahre isoliert gelebt : Das Rätsel um die Familie auf dem Bauernhof in Ruinerwold

Neun Jahre lang soll eine Familie isoliert auf einem Hof gehaust haben. Die Niederlande sind schockiert. Bisher sind nur wenige Informationen wirklich gesichert.

Ungläubig und schockiert, so reagieren viele Niederländer auf die Entdeckung einer Familie in einem Dorf in der Provinz Drenthe. Neun Jahre lang sollen ein Vater und seine sechs mittlerweile erwachsenen Kinder völlig isoliert in einem kleinen Kämmerchen auf einem abgelegenen Bauernhof in Ruinerwold im Osten des Landes gehaust haben. Viele denken an ähnliche Fälle aus anderen Ländern, Fälle von Gewalt oder Missbrauch oder auch an eine Sekte. Auch wenige Tage nach der Entdeckung bleibt vieles unklar.

Warum wohnte die Familie dort isoliert?

Die Staatsanwaltschaft schließt nicht aus, aus dass die Familie gegen ihren Willen dort festgehalten wurde. Der Mieter des Bauernhofes, ein 58 Jahre alter Österreicher, wurde festgenommen. Er werde der „Freiheitsberaubung“ verdächtigt, teilte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit.

Auf Fotos des Hofes sind ein großer Gemüsegarten und eine Art Gewächshaus zu sehen. Außerdem liefen ein paar Gänse herum und eine Ziege. Die Familie habe auf das „Ende der Zeiten gewartet“, hatten niederländische Medien gemeldet. Das soll einer der Söhne zu Besuchern der Dorfkneipe De Kastelein gesagt haben. Bestätigt wurde das bislang nicht. Der verwilderte und verwirrte 25-Jährige hatte in der Kneipe um Hilfe gebeten. Und so war schließlich seine Familie auf dem Hof auch entdeckt worden.

Ein Polizeiwagen fährt an dem Café „De Kastelein“ vorbei. Foto: dpa/Vincent Jannink

Unterdessen tauchten Berichte auf sozialen Medien auf - Facebook, Instagram und Linkedin. Dort soll er unter dem Namen Jan nach einer Sendepause von neun Jahren wieder Fotos und Einträge gepostet haben. Ob es sich tatsächlich um den gleichen Mann handelt, konnte die Polizei nicht sagen. „Wir überprüfen diese Berichte“, sagte ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur.

Warum hatte niemand die Kinder vermisst?

Die sechs Kinder waren 2010 zwischen neun und 16 Jahre alt und hätten zur Schule gehen müssen. Doch weder der Vater noch die Kinder waren bei den Behörden gemeldet. Das könnte erklären, warum niemand die Kinder vermisst hat.

Was für eine Rolle spielte der Österreicher?

Der 58-jährige Österreicher hatte den Hof gemietet, aber wohnte wahrscheinlich dort nicht. Er hat auch einen Schreiner-Betrieb im nahe gelegenen Meppel. Fast täglich, so erzählen Nachbarn, war er mit seinem Volvo gekommen und renovierte den Hof. Der Österreicher wohnt wohl schon seit Jahren in den Niederlanden. Er war zunächst festgenommen, weil er nicht bei der polizeilichen Untersuchung helfen wollte. Er sitzt in U-Haft und sollte am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werden.

Haben die Nachbarn nichts gemerkt?

Die Nachbarn hatten den neuen Mieter freundlich begrüßt, erzählten sie im Fernsehen. Als er dort vor einigen Jahren erstmals auftauchte, hatten sie ihm Blumen und eine Flasche Wein gebracht. „Doch der reagierte total komisch“, erinnerte sich Nachbar John van Dijk. Er sei kurz angebunden gewesen: „Und dann ging das Hoftor auch immer schnell wieder zu.“

Eine Drohnenaufnahme zeigt den abgelegenen Hof, in dem eine Familie jahrelang isoliert gehaust haben soll. Foto: dpa/Wilbert Bijzitter

Etwas stimme nicht mit dem Mann und dem Hof, spürten die Nachbarn. „Wir dachten, dass es irgendetwas mit Drogen war, eine Haschplantage oder so“, sagte eine Frau. Bauer van Dijk war sogar einmal abends mit einem Freund dorthin gegangen, um sich umzuschauen: „Aber da hingen überall Kameras, und dann sind wir wieder umgekehrt.“ Ein paar Mal wollte auch die Polizei nach dem Rechten schauen. Doch die Beamten kehrten am verschlossenen Hoftor unverrichteter Dinge wieder um.

Und wie geht es weiter?

Die Untersuchungen laufen auf Hochtouren. Vater und sechs Kinder sind vorerst in einem Ferienpark untergebracht worden. „Sie werden versorgt“ sagte ein Sprecher der Polizei. „Was sie jetzt vor allem brauchen, ist Ruhe.“

(dpa)
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