1. NRW
  2. Wuppertal

Kommentar: Was nach der Flutkatastrophe zu tun ist

Kommentar : Alarmglocken läuten: Was nach der Flutkatastrophe zu tun ist

Die Wupper ist gezähmt - auch von diesem Kinderglauben müssen sich die Wuppertaler nach vielen Jahrzehnten in Zeiten des Klimawandels verabschieden. Unter anderem der Alarm muss besser funktionieren.

Für Samstag und Sonntag liegen für das Bergische Land die nächsten Unwetterwarnungen vor. Solche Warnungen dürfte in Wuppretal so schnell niemand mehr auf die leichte Schulter nehmen.In der  Woche nach der Katastrophe vom 14./15.Juli hat sich herausgestellt, dass auch Wuppertal nur bedingt vor diesem Extremereignis geschützt war. Es hätte zwar alles noch viel schlimmer kommen, aber es hätte auch glimpflicher abgehen können, wenn die Talsperren nicht übergelaufen wären.

Auch  der großen Mehrheit, die mit dem Schrecken davon gekommen ist, darf  nicht gleichgültig sein, welche Konsequenzen die Stadt Wuppertal und der Wupperverband nun aus den Fehlern ziehen. Sie haben Besserung gelobt, aber die Fehler bei  der Regulierung  der Tasperren und in  der Alarmierung der Bewohner waren so gravierend, dass es jetzt ganz schnell gehen muss. Von Jahrhundert-Hochwassern und einer 1000-jährigen Wahrscheinlichkeit wollen vor allem die Betroffenen in gefährdeten Bereichen der Stadt nichts mehr hören.

Die Wupper ist gezähmt - auch von diesem Kinderglauben müssen sich die Wuppertaler nach vielen Jahrzehnten der Ruhe und Sicherheit in Zeiten des Klimawandels verabschieden. Mehr Sicherheit wird es erst wieder geben, wenn der Wupperverband den Schutz vor Hochwasser auch im Sommerhalbjahr wieder als wichtigste Aufgabe begreift. Ansonsten müsste das komplette Talsperrensystem in Frage gestellt werden.

Bei der Stadt und der Feuerwehr hat man die bittere Erfahrung gemacht, dass man sich nicht allzu sehr auf andere verlassen sollte, wenn es um das eigenen Leib und Leben, um Hab und Gut geht. Bruder Dirk in Beyenburg war es der als erster Alarm auslöste, indem er in Beyenburg die Glocken läutete. Ihm gebührt ein großer Dank, aber das er beim Einbruch der Fluten allein auf weiter Flur warnte, stellt der Stadt ein Amutszeugnis aus. Der Krisenstab hatte deutlichere Signale und Warnrufe vom Wupperverband erwartet und war am Ende verlassen, denn als diese eintrafen stand Beyenburg und wenig später auch die Kohlfurth komplett unter Wasser.

Die Vorkommnisse in der Nacht zum 15. Juli werden wie das Starkregenereignis 2018 einen festen Platz in der Stadtgeschichte haben. Der Klimawandel hat unsere Komfortzone erreicht. Und Wuppertal ist verletzbar: Jedes siebte Gebäude in der Stadt wird von den Versicherungen in der höchsten Gefährdungsstufe bei Starkregen eingestuft.  Wuppertal ist demnach statistisch gesehen, die am stärksten durch Starkregen gefährdete Stadt in Deutschland.

Auf die Klimafolgen im Zuge von sich häufenden Wetterextremen muss sich Wuppertal einstellen und die  Infrastruktur darauf ausrichten. Ob man diesen Prozess nun Wandel zur Schwammstadt oder zur Klimastadt nennt, ist Nebensache - es kostet auf  jeden Fall  viel Geld. Schlechte Aussichten, denn Wuppertals Schuldenuhr tickt schon wegen der Corona-Pandemie, deren Ende nicht abzusehen ist, immer schneller.

Oberbürgermeister Uwe Schneidewind hat agekündigt, dass die künftigen städtischen Investitionen noch einmal auf den Prüfstand kommen. Stadtkämmerer Johannes Slawig spricht davon, dass in den kommenden Jahren der Großteil aller noch möglichen Investitionen künftig in Anpassungen zur Vermeidung der Folgen des Klimawandels fließen werden. „Wir werden aber jetzt nicht alles über den Haufen werfen“, hat Uwe Schneidewind gesagt. Und tatsächlich sollten Rat und Verwaltung zunächst einmal den Sommer nutzen, um intensiv darüber nachzudenken, wie sie  mittel- und langfristige Reaktion auf das Hochwasser, den Starkregen, Corona und die leeren Stadtkassen reagieren wollen.

Beim  Thema Bundesgartenschau 2031 in Wuppertal laufen  fast alle der oben genannten Punkte zusammen. Die CDU hat öffentlich Bedenken wegen der Finanzierbarkeit angemeldet. Da wurden Erinnerungen an die Pressemitteilig wach, als die CDU von den Forensik-Plänen auf der Kleinen Höhe ebenso überraschend Abstand nahm. Doch bevor nun das Thema Buga abgehakt ist, muss noch geprüft werden, ob auch bei diesem Beispiel aus der Krise Chancen erwachsen könnten. Ob eine Buga denkbar ist, die nicht nur mit Attraktionen und einem hohen Freizeitwert aufwartet, sondern Modellcharakter haben kann, wie sich eine Stadt gegen Hochwasser und Starkregen -  aber auch gegen Hitze und Trockenheit - besser wappnet. Das sind neben leeren Kassen und Pandemien die Herausforderungen der kommenden Jahre.