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Wuppertal: Inklusion überfordert die Schulen

Wuppertal : Inklusion überfordert die Schulen

Die Bildungspolitik des Landes hat direkte Auswirkungen auf Wuppertaler Schulen.

Wuppertal. Das Thema Bildung ist etwas, das viele Menschen in NRW bewegt. Die Entscheidungen der Landesregierung haben direkte Auswirkungen - auch auf die Wuppertaler Schulen, zum Beispiel die Einführung des G8. Mittlerweile wird über alternative Modelle nachgedacht und eine Elterninitiative „G9-jetzt! in NRW” macht sich für ein Volksbegehren gegen das sogenannte Turbo-Abi stark. Auch der Lehrermangel macht sich bemerkbar: In Wuppertal sind seit Beginn des Schuljahrs allein an Grundschulen 40 Lehrerstellen unbesetzt.

Die Inklusion, also das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht-behinderten Schülern, führt bei betroffenen Lehrern, Eltern und Schulen häufig zu Frust, wie das Zitat aus einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Wuppertal (GEW) zeigt: „Man hat fünf bis sechs anerkannte Inklusionskinder in der Regelklasse, sieht den Sonderpädagogen — wenn man Glück hat — eine Stunde am Tag. Eine individuelle Förderung ist kaum möglich, da viele dieser Kinder nicht selbstständig arbeiten können.“

Für Helga Krüger von der GEW zeigt dieses Beispiel die Schwachstellen der Inklusion: Es fehlt an Sonderpädagogen und die Klassen sind zu groß, um sich um behinderte Kinder kümmern zu können. „Die Landesregierung macht immer die umgekehrte Reihenfolge: Sie beschließt ein Konzept und kümmert sich dann um die Ressourcen“, sagt Krüger. Die Schulen hätten mehr eingebunden werden müssen, da sich viele Lehrer nicht wüssten, wie sie zum Beispiel ein autistisches Kind erreichen. „Dazu braucht man Handwerkszeug“, so Krüger.

Aber nicht nur Lehrer sind mit der Situation überfordert. Bernd Strohmeyer, Stellvertretender Schulleiter der Schule am Nordpark, berichtet, dass bisherige Konzepte in vielen Fällen nicht funktionieren und Eltern sich entscheiden, ihre Kinder von der Regelschule zu nehmen und auf eine Förderschule zu schicken.

So wie Christin Dalbavie. Sie hat eine 15 Jahre alte Tochter, die bis zur achten Klasse in eine Regelschule gegangenen ist. „Meine Tochter ist lernbehindert und braucht viel Unterstützung und Zeit, um Sachen zu wiederholen“, sagt Dalbavie. Die habe in der Realschule nicht gereicht, sagt die Vohwinklerin. Sie glaubt, dass ihre Tochter ohne Inklusion nicht so weit gekommen wäre, aber in der Förderschule werde sie besser auf einen Berufsalltag vorbereitet. „Man muss sich überlegen, was aus den Kindern wird, wenn sie erwachsen sind.“

Der Pastoralreferent Werner Kleine, der zwei Kinder mit Down-Syndrom adoptiert hat, findet, dass die Inklusion, wie sie zur Zeit umgesetzt werde, den Behinderten schade. Geistig behinderte Menschen bräuchten einen bestimmten Schutz, der ihnen jetzt weggenommen werde. Die 4,5 Stunden, die ein behinderter Schüler in einer Regelschule von einem Sonderpädagogen betreut werde, fehlten in den Förderschulen.

Bernd Strohmeyer plädiert deshalb für Schwerpunktschulen, in denen mehrere Kinder mit einer Behinderung gleichzeitig von einem Sonderpädagogen betreut werden. „Damit würden die Lehrerstunden besser gebündelt“, sagt er. Außerdem gebe es dann auch eine Peergroup für die behinderten Kinder. „In der Regelschule fehlt häufig ein adäquates soziales Umfeld“, sagt Strohmeyer. Häufig seien die Schüler mit einer Behinderung in den Pausen alleine. Die Schere gehe im Laufe des Lebens - auch intellektuell immer weiter auseinander, beobachtet auch Kleine bei seinen Kindern.

Sozialdezernent Stefan Kühn ist nicht grundsätzlich gegen Schwerpunktschulen, wendet aber ein: „Damit würden wir die freie Wahl des Ortes der Beschulung beschneiden.“ Das heißt, behinderte Schüler könnten dann nur an einem Gymnasium unterrichtet werden und müssten gegebenenfalls längere Wege in Kauf nehmen.

Für die Stadt spielen vor allem die Kosten eine Rolle, die durch die schulische Inklusion entstehen: in diesem Jahr rechnet Kühn mit einer Summe von sieben Millionen Euro für Integrationshelfer. „Pro Jahre erwarten wir eine Steigerung von 20 Prozent“, sagt Kühn. Im Jahr 2021 rechnet die Stadt mit 4,4 Millionen Euro zusätzlich für die Inklusion an Schulen. Über einen Kostenersatz sei der Städtetag bereits im Gespräch mit dem Land.

Das Nebeneinander von Förderschulen und Regelschulen sei aber wichtig, da jedes Kind andere Bedürfnisse habe. „Es ist normal, dass es bei einer Umstellung auf ein zweigleisiges System an bestimmten Stellen hakt“, sagt Kühn. „Die Inklusion ist ein Generationenprojekt, dass sich nicht allein auf die Schule beschränkt.“