Im Heizkraftwerk herrscht jetzt Stille

Im Heizkraftwerk herrscht jetzt Stille

60 Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, sich die 118 Jahre alte Anlage anzuschauen. Bei vielen Besuchern wurden Erinnerungen wach.

Elberfeld. Wenige Tage ist es her, dass das Heizkraftwerk in Elberfeld stillgelegt wurde, weil die Versorgung durch Wärme und Strom zukünftig von Korzert, dem Standort der Müllverbrennungsanlage, erfolgen soll. In dieser Woche gab es die vorerst letzte Gelegenheit, das Heizraftwerk zu besichtigen. 60 Wuppertaler nutzten sie und nahmen an der Führung von Stadtführer Reiner Rhefus und Kraftwerksleiter Volker Leonhard teil.

Rhefus unternahm mit den Besuchern einen Ausflug in die Historie des vor 118 Jahren fertig gestellten Bauwerks, zurück in die Zeit, als in Elberfeld noch die Pferdestraßenbahn fuhr und 140 Rösser die Fahrgäste in doppelstöckigen Waggons durchs Tal bewegten. Nach der Elektrifizierung der Straßenbahn wurde das Heizkraftwerk gebaut, mit Bedacht an der Wupper, um die etwa zur gleichen Zeit in Betrieb genommene Schwebebahn mit Strom zu versorgen. „Strom in den Haushalten, hat sich erst in den 1920er Jahren durchgesetzt. Drei Mark pro Woche für einen Haushalt waren für viele Arbeitsfamilien kaum zu tragen“, erläuterte Reiner Rhefus. Dass die Kohleversorgung durch die naheliegende Eisenbahn gesichert werden konnte, dass der Fluss als Trasse für die Fernwärmeleitung und damit der Versorgung vieler Gewerbebetriebe (vor allem ihr größter Kunde, die Bayer AG) und Wupperwasser zur Kühlung dienen konnte, waren weitere Vorteile des Standortes.

„Die Stahlkonstruktion des Schwebebahngerüstes, ähnlich kühn wie die des Eiffelturms in Paris, und das Heizkraftwerk, all das galt als Symbol des Fortschritts im Westen der Stadt, der auch heute noch Westende heißt“, berichtete Rhefus. „Strom und Fernwärme wurden parallel hergestellt, und beides braucht Wasserkühlung“, bestätigte auch Werksleiter Volker Leonhard.

Aufgeteilt in vier Gruppen begann für die Besucher der Gang durch das Heizkraftareal, das für den Kraftwerksleiter ein ungewohntes Bild bot. „Sie hören, dass Sie nichts hören“, so Leonhard. Er erinnerte an den Lärm, der für den Betrieb der Maschinen, Turbinen oder Absauganlagen charakteristisch war. Während jetzt in den Hallen gähnende Leere und fast gespenstische Stille herrschen.

Dazu kamen die nun moderaten Temperaturen. „Hier war es früher mit rund 50 Grad ganz schön muckelig“, erklärte Leonhard während seines Vortrags in der Brennkammer. Zwar ist der Betrieb, in dem bis zur Stilllegung etwa 70 Mitarbeiter tätig waren, bis auf wenige Ausnahmen völlig heruntergefahren, doch der Leitstand mit den Kontrollmonitoren ist nach wie vor besetzt.

Die elektronischen Informationen waren unter anderem wichtig bei eventuellen Emissionsüberschreitungen. „Wenn wir da mal über den gesetzlichen Grenzen waren, haben wir das nicht unter den Tisch gekehrt, sondern uns bei der Bezirksregierung angezeigt. Es ging uns darum, mit den Experten Problemen auf den Grund zu gehen und sie in Zukunft zu vermeiden“, so Leonhard, der darauf hinwies, dass zum Berufsbild des Kraftwerkers gehört, die Einhaltung von Vorschriften des Umwelt-, Brand- und des Arbeitsschutzes zu beachten.

Ein „Höhepunkt“ der Kraftwerksbesichtigung war die Fahrt ins fünfte Stockwerk und der Blick aus 53 Meter Höhe über Wuppertal. „Für mich ist das heute eine Reise in die Vergangenheit“, erklärte Lars Göbel, der mit Ehefrau und Tochter Lea (4), die Stätte seiner Ausbildung Anfang der 1990er Jahre besuchte. Sie saß, beschützt von Papa, auf dem breiten Sims und fand den Ausflug „ganz toll“. Aber auch oben auf dem Dach gab es noch einen Blick in erheblich imposantere Höhen, nämlich den Schornstein, der 198 Meter hoch ist und auf dessen halber Höhe Falken nisten.

Dass das Elberfelder Heizkraftwerk seinen Betrieb eingestellt hat, war für viele Mitarbeiter ein schmerzliches Erlebnis. „Viele haben hier vor Jahrzehnten ihre Ausbildung absolviert und waren mit dafür verantwortlich, dass es hier nie ernsthafte Störungen gegeben hat“, berichtete Leonhard. „Alle haben bei den WSW andere Arbeitsplätze gefunden.“ Mit einem Blick auf die riesigen Silos für Kalk und Flugasche endete die Besichtigung dieses Industriedenkmals, dessen weitere Verwendung noch nicht geklärt ist.