Das Leben einer Unsichtbaren

Das Leben einer Unsichtbaren

Das afghanische Gewand verschleiert die Trägerin total. Im Westen gilt es als Symbol der Unterdrückung. Eine Wuppertalerin erzählt vom Leben unter der Burka.

Wuppertal. Sie ist nicht zu sehen. Kaum einer weiß, wie sie wirklich aussieht, ihr Körper, ihr Gesicht. Sie ist komplett verhüllt - für ihren Glauben? Haila (Name von der Redaktion geändert) ist gläubige Muslima und lebt seit vielen Jahren in Wuppertal. In Barmen hatte WZ-Mitarbeiterin Julia Perkowski die Frau zufällig getroffen und angesprochen. Die beiden verabredeten sich in einem Café in Heckinghausen und sprachen dort über das Leben der jungen Wuppertalerin.

"Mein Vater ist mit meiner Mutter hierher gekommen, um ein besseres Leben zu führen", sagt sie. Seine Kinder sollten es besser haben als er, damals in Afghanistan. Haila ist eine der vielen Töchter, hat mit 18 Jahren geheiratet - nicht ganz freiwillig. "Mein Mann ist sehr nett, aber mein Vater und meine Familie haben ihn ausgesucht. Sie sagten, dass er immer gut für mich sorgen wird", erzählt sie.

Auch wenn sie in Deutschland groß geworden ist - ihr Leben hat mit hiesigen Maßstäben nichts zu tun: "Würde es in Deutschland nicht die Schulpflicht geben, hätte ich nicht einmal lesen und schreiben gelernt", erzählt sie in fließendem Deutsch. Für Söhne soll sie sorgen, sich ganz auf den Haushalt konzentrieren und ihre mütterlichen Pflichten erfüllen. So wollte es ihr Vater. Für ihn sind Frauen einzig und allein für Kinder und Haushalt zuständig. Als sie ihm sagte, dass sie gern studieren würde, lachte er Haila aus. Sagte, sie würde die Familie in Verruf bringen.

Die Deutsch-Afghanin möchte ihren richtigen Namen nicht nennen - sie hat Angst, dass ihr Vater, ihr Mann oder ihre Geschwister denken könnten, sie beschmutze die Familienehre.

"Das ist aber nicht so", betont die junge Frau. Sie würde dennoch gern mehr Kontakt zu ehemaligen Schulfreunden haben, ein normales "deutsches" Leben führen. Trotzdem würde sich Haila nicht trauen, das Haus ohne Burka zu verlassen: "Die Leute könnten dann schlecht über mich reden. Und das würde auf meine Familie zurückfallen."

Deutsche Freunde hat sie nicht. Ihr einziger Kontakt aus ihrem eingeschränkten Leben sind Fernseher und Zeitung: "Ich schaue so oft es geht Nachrichten, lese Lifestyle-Magazine. Ich würde gern einmal so schöne Sachen tragen und mich schminken."

Von ihrem einzigen Besuch in Afghanistan war die junge Frau geschockt: "Viele Frauen dürfen nicht einmal alleine auf die Straße." Aufgefallen ist sie dort dennoch nicht. Nur in Deutschland ist sie eine Exotin: "Man wird schon sehr oft komisch angeschaut. Die Leute können mich nicht einschätzen, weil sie mich nicht sehen können."

Haila holt ein Foto heraus - das einzige Bild, das sie ohne Burka zeigt: Auf dem Foto in ihrem Personalausweis ist eine junge, hübsche Frau zu sehen. Für dieses Bild durfte sie nur ein Kopftuch tragen, das Gesicht musste sichtbar sein, um die Identifizierung der Deutsch-Afghanin durch die Behörden zu sichern. Frauen in Afghanistan besitzen oft keinen Ausweis oder Reisepass. Sie sind nur mit ihrem Namen im Pass des Mannes eingetragen.

"Für mich ist der Zug abgefahren. Ich werde Hausfrau und Mutter bleiben. Was nicht heißen soll, dass ich das nicht gerne bin." Träume von einer Ausbildung, einem Beruf, vielen Freunden und einem Leben auf eigenen Füßen - begraben. Ihren Kindern möchte Haila ein Leben unter der Burka und mit streng religiösen Regeln ersparen: "Ich möchte, dass sie später selbst entscheiden können, was sie tragen, wen sie treffen, was sie tun möchten."