Per Satellit nach Hause reisen: Ein Blick ins türkische Fernsehen

Per Satellit nach Hause reisen: Ein Blick ins türkische Fernsehen

Medien: Blockiert türkisches TV die Integration? Mustafa Doymus analysiert die Inhalte türkischer Fernsehsender.

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p class="text"><strong>Wuppertal. Die Welt ist ein globales Dorf. 2,6 Millionen türkische Migranten leben in Deutschland. Täglich reisen sie via Satellit sekundenschnell in ihr Heimatland: 164 türkische und acht kurdische Fernsehsender sind empfangbar. 4,5 Stunden täglich schaut diese Zielgruppe im Schnitt Fernsehen - türkische Sender. Dieses Verhalten scheint auch der türkische Regierungschef Erdogan zu unterstützen, der bei seinem Deutschlandbesuch seine Landsleute davor warnte, sich in ihrer neuen Heimat zu stark anzupassen. Doch inwieweit blockiert der TV-Konsum von türkischem Heimatfernsehen die Integration tatsächlich?

Die hiesigen türkischen Sender sind Ableger aus der Türkei

Der Soziologe Mustafa Doymus aus Wuppertal hat sich für seine Doktorarbeit intensiv mit den Inhalten der populären türkischen und kurdischen Fernsehsender befasst. "Von den etwa 170 Sendern gehören zehn zu den populären, die ein Massenpublikum ansprechen", sagt er. Dabei handelt es sich um Ableger der Hauptsender in der Türkei - mit einem Europalogo, aber den Inhalten des Heimatlands. "Der größte Unterschied ist die Werbung", sagt Doymus. "Die ist auf Europa spezialisiert. Es werden deutsche Produkte beworben, allerdings in türkischer Sprache."

Die Formate der türkischen Sender unterscheiden sich wenig von denen anderer Fernsehanstalten. "Die populären Sender sind sehr westlich orientiert und propagieren auch den hiesigen Lebensstil." Es gebe Magazinformate, aber auch Serien, die in der Türkei produziert werden. Die Bandbreite der Serienthemen reicht vom traditionellen islamischen Dorfmillieu bis zur alleinerziehenden Anwältin aus Istanbul. Also von islamisch-konservativ bis offen-liberal.

Aber: "Die Programme der klassischen türkischen Sender bleiben türkeizentriert. Probleme, die die Migranten in ihrer neuen Heimat haben, wie Arbeitslosigkeit oder Schulprobleme der Kinder, werden nicht thematisiert", sagt Mustafa Doymus. Kritisch betrachtet er die Nachrichten der klassischen Sender. Sie seien einerseits europafreundlich, aber zurzeit auch deutschlandkritisch.

Besonders die der Regierungspartei AKP nahestehenden Sender neigten dazu, Migrationsprobleme herunterzuspielen. So habe es nach dem Brand von Ludwigshafen ein Interview mit einem türkischstämmigen Feuerwehrmann gegeben, der die Schläge von türkischen Jugendlichen gegen einen seiner Kollegen kritisierte. Vom Nachrichtensprecher seien die Schläge mit Blick auf die Emotionen als verständlich bezeichnet worden.

Persönliches: Der Diplom-Soziologe wurde 1979 in Pazarcik in der Türkei geboren. 1990 kam er nach Deutschland.

Ausbildung: Nach Haupt-, Real- und Fachoberschule 1999 Beginn des Studiums der Sozialwissenschaften an der Universität Wuppertal, ab 2002 in Duisburg-Essen. 2004 Auslandssemester an der National University of Ireland, Maynooth.