Seine Leidenschaft ist das Weltall: Stephan Günther ist noch kein Mann im Mars

Seine Leidenschaft ist das Weltall : Stephan Günther ist noch kein Mann im Mars

Der Traum, in einer Kolonie auf dem Mars zu leben, ist für den Witzheldener Günther Stephan - vorerst - ausgeträumt. Dabei hätte er für die Teilnahme an der Mission auf eine Rückkehr zur Erde verzichtet. Kein Grund Trübsal zu blasen.

Witzhelden. Der Blick aus dem Fenster schweift in die Ferne über weite hügelige Landschaften, die im Nirgendwo zu enden scheinen. Man kann sich Stephan Günther gut vorstellen, wie er hier in seinem Zimmer im bergischen Witzhelden steht und nach draußen schaut. Sich in die Unendlichkeit des Weltalls wegdenkt.

In der Vitrine neben ihm ist das Miniatur-Modell einer Rakete ausgestellt und an der Wand hängt ein Poster, auf dem mehrere Planeten umeinander kreisen. Einmal zum Mars und nie wieder zurück, lautete noch bis vor kurzem das Lebensziel des 46-jährigen freischaffende Softwareentwicklers und Fluglehrers. Und nun bleibt er doch auf der Erde — vorerst jedenfalls.

„Seitdem ich zurückdenken kann, ist der Weltraum mein Thema“, strahlt Stephan Günther und schildert eine Anekdote seiner Mutter vom einjährigen Sohn, der, wackelig auf zwei Beinen stehend, die erste Mondlandung gebannt im Schwarz-Weiß-Fernseher verfolgt. Am 21. Juli 1969 wird sein Schicksal besiegelt. „Ich wollte immer Astronaut werden“, schmunzelt der gebürtige Mannheimer, der dieses Ziel nicht mehr aus den Augen ließ: Er fertigte Raketen-Modelle an und versuchte Flugfertigkeiten zu erwerben.

Allerdings bleib es zunächst beim Segelflugschein, den er mit 16 Jahren — noch vor dem Führerschein - machte. Eine Pilotenausbildung bei der Lufthansa und dann bei der Bundeswehr klappte nicht. Ins Berufsleben startete er denn auch bodenständig als Finanzdienstleister - den Blick sehnsuchtsvoll in den Himmel gerichtet und mit der offenen Frage, „wie es ist, ins All zu fliegen, mit der Hand in den Mond-Staub zu greifen und dabei zur Erde zurückzugucken“.

Die Antwort gab er sich — zumindest virtuell - selbst, als er 2004 die Firma Spacedreamstudios gründete, um mit ihr Weltraumsimulationen zu entwickeln. 2006 folgte der erste Apollo-Simulator, den er mit der Mönchengladbacher Firma Astragon auf den Markt brachte und der die Nasa auf den Plan rief. In deren Auftrag baute er eine Mondlandesimulation in Houston. Dem Piloten-Ziel kam er damals ebenfalls näher: In den USA ließ er sich zum Berufspiloten und Fluglehrer für Gyrocopter und Sportflugzeuge ausbilden.

Da war es fast zwangsläufig, dass er auf „Mars One“ aufmerksam wurde - 2012 in einem wissenschaftlichen Newsletter. Sofort studierte Günther den Internetauftritt des niederländischen Projekts und nahm noch am selben Tag Kontakt auf: Für ihn war klar, dass eine Teilnahme die „Krönung“ seiner Ambitionen, die Erfüllung seiner Träume war. Das eigentliche Bewerbungsverfahren begann 2013 mit Online-Fragebögen, Videos zur Selbstdarstellung und Motivation sowie Gesundheitszeugnissen, um aus einer großen Bewerberschar binnen zehn Jahren 40 Teilnehmer herauszufiltern.

Zeit genug, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Reise zum Mars ohne Rückfahrkarte sein sollte. „Ich hab die Entscheidung spontan getroffen und hab dann die Tage darauf ein Auf und Ab der Gefühle gehabt. Das war schon schwierig, aber ich bin da reingewachsen. Und ich hab mir gesagt, das ist jetzt die Chance für mich, meinen Lebenstraum zu realisieren“, erinenrt sich Günther.

Klar gab es da die Zwickmühle, die Menschen verlassen zu müssen, „die ich liebe, aber es wäre zu rechtfertigen gewesen“. Denn, ist sich Günther sicher: „Man kann das nur machen, wenn man vorher auf der Erde ein erfülltes, glückliches Leben hatte.“ Ein Gedanke, den er auch seinen drei Kindern (9, 13, 23 Jahre alt) vermitteln konnte, „die einerseits traurig, andererseits stolz auf ihren Vater waren“.

Schwieriger lief der „Überzeugungsprozess“ bei seiner Frau, die er 2007 natürlich auch auf einem (langen) Flug kennen- und lieben gelernt hatte : „Ich habe ihr erstmal nur gesagt, dass ich mich beworben habe. Das fand sie noch spannend. Und dann, dass es da einen Haken gebe.“ Prompt meinte sie, dass man sich auch sofort und nicht erst in zehn Jahren trennen könne. Viele Gespräche und etliche Zeit später beschlossen beide, die verbleibenden Jahre doch gemeinsam und intensiv zu genießen. „Sie stand zum Schluss komplett hinter mir.“

Drei Jahre später musste Günther die „rote Brille“ wieder absetzen. Am Freitag, den 13. Februar 2015 kam das Aus, unerwartet und per mail. „Ich dachte eigentlich, dass ich eine Runde im Bewerbungsverfahren weiter bin. Das entscheidende Interview war nämlich gut gelaufen. Ich war enttäuscht, frustriert, wütend.“ Warum er nicht mehr dabei ist, kann Günther nur vermuten: „Auf die Frage, ob ich zur Erde zurückkehren würde, wenn ich nach drei Jahren auf dem Mars die Chance bekäme, habe ich ‚ja’ gesagt.“

Umgehauen hat ihn der „Rausschmiss“ aus dem Bewerbungsverfahren nicht: „Alles hat seinen Sinn im Leben. Und irgendwo ist es sogar eine Erleichterung“, sagt der umtriebige Witzheldener. Auch seine Frau „habe zunächst mitgefühlt, habe nicht gewusst, was sie denken soll. Mittlerweile ist sie aber wieder ganz gut im normalen Leben angekommen“, und die Kinder, die nicht bei ihrem Vater leben, haben erst gar nicht groß reagiert.

Nicht unwichtig ist dabei sicherlich, dass Günther seinen Traum weiterlebt. So macht er als Pilot bei „Black Sky“, einem deutschen Raketenprojekt, mit, das den Weltraumtourismus fördern soll. Geplant sind maximal 30-minütige Suborbitalflüge in bis zu hundert Kilometer Höhe mit wissenschaftlichen Experimenten in der Schwerelosigkeit. Ein Unterfangen, das er für „Mars One“ hatte ruhen lassen.

Und mit dem roten Planet hat der Weltraumbegeisterte auch nicht abgeschlossen. Er glaubt an die Mission von „Mars One“, ohne deren technische, ethische und finanzielle Schwächen zu übersehen: „Ich werde es noch erleben, dass es einen Pendeldienst zum Mond und zum Mars gibt. Der Weltraumtourismus ist die nächste Branche, die praktisch explodiert.“ Und wenn ihn nochmal jemand fragen sollte, ob er zum Mars fliegen will, würde er sicher “Ja“ sagen - aber nur mit Rückflug zur Basisstation in Witzhelden.

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