London-Marathon auf Reifen-Sohlen

London-Marathon auf Reifen-Sohlen

Sechs Massai-Krieger aus Tansania sind beim London-Marathon mitgelaufen. Mit Schuhen aus alten Autoreifen schafften sie es ins Ziel.

London. Sie tragen Schuhe aus alten Autoreifen, laufen mit ihrem Vieh jeden Tag viele Kilometer und finden nur zwei Dinge wirklich schwierig: die Wassersuche und die Löwenjagd. Zwei Welten sind gestern aufeinander getroffen, als sechs Massai-Krieger, die niemals zuvor ihr Heimatdorf Eluai in Tansania verlassen hatten, den London-Marathon gelaufen sind. In 5 Stunden, 24 Minuten und 27 Sekunden absolvierten die Massai die Strecke entlang der glitzernden Bankenfassaden von Canary Wharf, der Tower Bridge und dem Riesenrad an der Themse. "Wir kommen nicht, um Rekorde zu brechen", hatte Häuptling Isaya zuvor erklärt. Die ultimative körperliche Herausforderung westlicher Sportler bedeutet ihnen, den Langstrecken-Profis, nicht mehr als einen Katzensprung. Sie hatten den weiten Weg nach London gewählt, um für ihren Stamm Spenden für einen Brunnen zu sammeln. Gut 50000 Euro brauchen sie dafür.

Für die Reise gab es ein Handbuch - und gesponserte Unterwäsche

Eine Woche hatten die sechs stolzen Männer Zeit, sich in einem Land zu akklimatisieren, das ihnen wie ein fremder Planet erscheinen musste. Man hatte sie gewarnt - Isaya, Ngovu, Lengami, Ninna, Taico und Kesika - und ihnen ein kleines Handbuch für die Reise nach Großbritannien geschrieben. "Es wird euch überraschen, dass es hier so viele Menschen gibt und sie ständig irgendwo hinhetzen", heißt es darin. "Doch auch, wenn manche finster ausschauen, sind sie meist ganz nett: Viele arbeiten einfach in Büros, in Jobs, die ihnen nicht gefallen. Deshalb lächeln sie nicht so oft, wie sie vielleicht sollten." Doch die Massai ließen sich nicht vom allgegenwärtigen blassen Büromenschen abschrecken: Bilder der sechs Kriegerhirten, die in einer Bed-and-Breakfast-Pension tassenweise Tee mit viel Zucker schlürfen, eroberten in Windeseile die Herzen der Briten. Um ganz sicher jeden Kulturschock zu vermeiden, hatte eine Kaufhauskette den Massai noch Unterwäsche gesponsert - daheim reichen den Männern ihre farbenfrohen Gewänder als Kleidung. Auch wenn die Ernährung auf der Insel ("zuhause leben wir von Fleisch, Blut, Milch und Mehlfladen") und das Wetter ("Hier ist es sehr, sehr kalt") den Kriegern zu schaffen machten - die Marathon-Strecke absolvierten sie trotz britischen Regens ohne größere Probleme. "Sie haben Schlimmeres in den letzten Jahren erlebt: Dürren und Hungersnöte zum Beispiel", sagte Entwicklungshelfer Paul Martin, der die Massai auch beim Marathon begleitete. "Wegen des Wassermangels sterben zwei von drei Kindern in ihrem Dorf, bevor sie fünf Jahre alt sind." Der lange Lauf durch London könnte diese Not künftig lindern. Denn die Hälfte der benötigten Spendengelder hatten die sechs Krieger schon vor dem Start zusammen.

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