Interview mit Wolfram Wuttke: Hacke, Spitze, noch ein Streit

Interview mit Wolfram Wuttke: Hacke, Spitze, noch ein Streit

Wolfram Wuttke galt in den 1980er Jahren als Enfant terrible der Bundesliga. Am Donnerstag wird der Ex-Fußball-Nationalspieler 50 Jahre.

Düsseldorf. Wolfram Wuttke war das Enfant terrible der 1980er Jahre — hochbegabt aber unverbesserlich. Heute hat er sich gebessert, auch wegen einiger Schicksalsschläge. Nachdem er 1993 wegen eines Schulterbruchs seine Karriere beenden musste, verlor er mit dem eigenen Sportgeschäft viel Geld. Es folgten Scheidung und ein missglücktes Engagement als Spielertrainer. Eine Brustkrebserkrankung im Jahr 2000 ließ Wuttke nachdenklich werden. Den Kampf um sein Leben hat er gewonnen, nun ringt er um einen besseren Ruf.

Wolfram Wuttke, darf man ein rauschendes Fest zum Geburtstag erwarten?

Wuttke: Nein, das gab es zum 40. Es wird einen Umtrunk im Familienkreis geben. Die nächste große Fete ist erst zum 75. geplant. Das verwundert ein wenig. Sie galten damals immerhin als Prototyp des Enfant terribles... Wuttke: Ein paar Dinge von mir waren sicher nicht so, wie man sich das gewünscht hätte. Aber man sucht sich immer einen aus, so hat sich das bis zum Ende meiner Karriere fortgeführt. Das lag an mir, aber auch an den Medien.

Hätten Sie als Leisetreter eine größere Karriere hingelegt?

Wuttke: Das ist die meistgestellte Frage an mich. Einige Dinge würde ich anders machen, aber die meisten genauso, wie ich es getan habe. Es ist doch müßig, zu spekulieren, ob ich 40 Länderspiele und nicht vier gemacht hätte.

Bereuen Sie irgendetwas?

Wuttke: Eigentlich nur eine Sache. 1992 hatte ich ein Angebot vom FC Valencia. Ich hatte einen skurrilen Berater aus Belgien, der es verlackmeiert hat. Ich hätte gutes Geld verdienen und in einem geilen Stadion spielen können. Aber es klappte nicht, so dass ich in Saarbrücken gelandet bin. Weshalb haben Sie als Kind des Ruhrgebiets die längste Zeit der Karriere woanders verbracht? Wuttke: Meine Karriere war stets holprig. Der ein oder andere Wechsel war unumgänglich. Man konnte nicht wählerisch sein.

Wie kam es, dass Sie immer wieder mit Ihren Trainern aneinandergeraten sind?

Wuttke: Ich war impulsiv und aufbrausend. Ich wollte jedes Spiel gewinnen, auch im Training. Da ist schon mal das ein oder andere Wort gefallen, das nicht hätte fallen dürfen. Ich habe den Dickkopf aufgesetzt, da hat mir oft die gewisse Diplomatie gefehlt.

War nicht klar, dass man sich mit harten Hunden wie Ernst Happel besser nicht anlegt?

Wuttke: Er hat mal gesagt, dass man mir ins Hirn geschissen hätte. Aber das hat mir nichts ausgemacht. Ernst war einer meiner besten Trainer. Er hatte neben Peter Neururer am meisten Ahnung vom Fußball.

Der damalige HSV-Manager Günter Netzer unterstellte Ihnen eine Charakterschwäche.

Wuttke: Netzer und ich haben uns einfach nicht verstanden. Sein Problem war, dass er von oben mit dem Finger auf andere Leute zeigte. Das ist mir aber auch egal. Aber der Ruf des Enfant terrible verfolgt mich bis heute.

Wurde Ihnen das bei der Jobsuche nach der aktiven Zeit zum Verhängnis?

Wuttke: Ich werde überall mit Vorsicht genossen. Die Leute denken, dass ich immer noch so bin wie vor 15, 20 Jahren. Dem ist aber nicht so. Seitdem hat mich vieles geprägt und ruhiger gemacht.

Inwiefern hat Ihre Krebserkrankung zu Ihrer Reifung beigetragen?

Wuttke: Als ich die Diagnose im Jahr 2000 bekommen habe, war das wie ein Schlag vor den Bug. Unter den vielen Millionen Männern in Deutschland gibt es nur ein paar Fälle von Brustkrebs. Ich musste mich mit dem Tod auseinandersetzen, ich hatte ihn vor Augen. Es dauerte fast zwei Jahre, bis ich mit allen Therapien durch war. Danach habe ich viele Dinge anders gesehen als vorher.

Sind Sie heute geheilt?

Wuttke: Ja, es ist überstanden und es geht mir einigermaßen gut.

Also stünde einer zweiten Karriere im Fußball nichts im Wege?

Wuttke: Nein. Ich war 2008 Sportdirektor und Trainer beim TSV Crailsheim. Der Hauptsponsor hat Nippon hergestellt und war zigfacher Millionär — ein Verrückter, der dem Rotwein erlegen war. Er hat mich genervt und wollte immer reinreden. Der hat vor Spielen nachts angerufen, um die Aufstellung zu ändern. Dann habe ich gesagt: „Ich fahre nach Hause in den Kohlenpott.“

Haben Sie als Trainer die Disziplin erwartet, die Sie als Spieler nicht besaßen?

Wuttke: Das mag sein. Dabei war ich immer der Spielerfreund, eher ein anti-autoritärer Trainer. Aber in Sachen Disziplin habe ich doch Konsequenz an den Tag gelegt.

Hätte der Trainer Wuttke den Spieler Wuttke gehasst?

Wuttke: Nö. Es gibt nicht mehr viele Individualisten. Da würde man sich doch über einen Wuttke freuen. Es gibt super Nachwuchsspieler wie Mario Götze und Julian Draxler, die Topstars werden können. Aber sie sind ruhiger.

Warum gibt es solche Typen wie Sie heute nicht mehr?

Wuttke: Mein Kumpel Mario Basler, Stefan Effenberg und Frank Mill waren die letzten, die den Mund aufgemacht haben, wenn ihnen etwas nicht gepasst hat. Die Spieler stehen mehr im Fokus. Bei den Wahnsinns-Gehältern, die gezahlt werden, hat man sich auch eher zu fügen als wir damals.

Mehr von Westdeutsche Zeitung