Die zwei Leben der Julia Timoschenko

Die zwei Leben der Julia Timoschenko

Die inhaftierte Oppositionsführerin gilt als Opfer einer Rachejustiz — doch die heute 51-Jährige war einst selbst eine berüchtigte Oligarchin. Versuch einer Annäherung.

Kiew. Julia Timoschenko (51) galt schon 2004 als Jeanne d’Arc der orangenen Revolution. Wie sich einst die heilige Johanna im Kampf für Frankreich gegen Bischöfe und Engländer empörte, so lehnte sich die mutige Ukrainerin gegen den von Russen und Oligarchen unterstützten Wahlfälscher Viktor Janukowitsch auf.

Der heutige Präsident hat sie deshalb vor einem halben Jahr von einer willfährigen Justiz einsperren lassen.

Dieses Bild zeichnen Timoschenkos Anhänger. Doch es gibt auch eine andere Version, die von einer raffgierigen Egoistin handelt.

Julia wächst vaterlos in der Industriestadt Dnjepropetrowsk auf und heiratet mit 19 Jahren den Armenier Alexander Timoschenko. Nach dem Ende der Sowjetunion verdient das Paar im undurchsichtigen Erdölgeschäft seine erste Million. Mitte der 90er wird Julia Timoschenko Chefin des Energieriesen EESU und steigt zur schwerreichen „Gasprinzessin“ auf. Sie zählt nun zum Kreis der berüchtigten Oligarchen, von denen es heißt, viele hätten sich das ehemalige Volkseigentum mit Mafia-Methoden unter den Nagel gerissen.

EESU importierte subventioniertes Gas aus Russland und verkaufte es zu Weltmarktpreisen weiter. Doch wohin flossen die Gewinne? In dem zweiten Prozess gegen Timoschenko, der kürzlich begonnen hat, geht es um diese Frage. Der Staatsanwalt wirft ihr Steuerhinterziehung in Höhe von 300 Millionen Euro vor.

Feinde hat Timoschenko schon in den 90er Jahren. Sie landet wegen der EESU-Geschäftspraktiken für einige Wochen in U-Haft. Was ist damals im Gefängnis geschehen? Timoschenko berichtet von einer Bekehrung. Die zierliche Frau wird zur Frontkämpferin der Opposition.

Timoschenko ändert ihr Äußeres, lässt das Haar zum Kranz flechten, der auf manche wie ein Heiligenschein wirkt. Neben Viktor Juschtschenko stellt sie sich an die Spitze der orangenen Revolution — und triumphiert. Doch Timoschenko und Juschtschenko, von 2005 bis 2010 Präsident, zerstreiten sich bis aufs Blut.

Timoschenko pflegt ihr Vermögen hinter den Kulissen. Auf offener Bühne ist sie jahrelang Premierministerin. Doch für eine Demokratisierung tut sie nichts.

2009 schließt Timoschenko als Regierungschefin mit Russland einen Gasvertrag. Dabei bootet sie Dmytro Firtasch als Zwischenhändler aus. Der Oligarch finanziert die Partei von Viktor Janukowitsch. Als der 2010 die Präsidentenwahl gegen Timoschenko gewinnt, fordert Firtasch den Kopf der Verliererin.

Anderthalb Jahre später verurteilt ein Kiewer Gericht Timoschenko zu sieben Jahren Haft — ein Akt der Rachejustiz, wie die EU urteilt.

Im Gefängnis erleidet Timoschenko einen Bandscheibenvorfall. Von Misshandlungen ist die Rede. „Sie hat starke Schmerzen“, sagen deutsche Ärzte, die sie untersuchen, „und Angst vor Anschlägen“. Was in Geist und Seele der inhaftierten Oligarchin vorgeht, wissen die Mediziner nicht.