Aus Existenzangst zum Kriminellen geworden

Aus Existenzangst zum Kriminellen geworden

Der Düsseldorfer Unternehmer Frank Alvarez erzählt. Er war in den Ikea-Bauskandal verwickelt.

Düsseldorf. „Ich hatte Existenzängste und habe ,Ja’ gesagt“, erinnert sich Frank Alvarez an den Moment, der sein Leben verändern sollte.

Der Chef einer Baufirma wurde Teil des korrupten Systems in einer Abteilung des Möbelkonzerns Ikea. Wie der 46-Jährige zum Wirtschaftskriminellen wurde, berichtete er beim Bundesverband deutscher Volks- und Betriebswirte in Düsseldorf, bei dem „Wirtschaftskriminalität und ihre Folgen“ im Mittelpunkt standen.

„Typische Straftaten wie Bestechung und Korruption sind kein Kavaliersdelikt und werden in Deutschland hart bestraft“, sagt Julius Reiter, Rechtsanwalt und Professor für Wirtschaftsrecht an der Hochschule für Ökonomie und Managemet.

Compliance, also Regelkonformität, sei inzwischen 80 Prozent der deutschen Unternehmen wichtig. Doch mitunter, weiß Reiter, denken korrupte Mitarbeiter sogar an den Erfolg der Firma und nicht an sich.

„Ich habe zuerst an meine 16 Mitarbeiter gedacht“, sagt Alvarez. 2001 übernimmt er die Baufirma, in der er zuvor beschäftigt war. Als er 2002 zum ersten Gespräch bei Ikea ist, erklärt ihm der Strippenzieher, Manfred B., dass Alvarez den Auftrag nur erhält, wenn er sich in das korrupte System einfügt. Das Prinzip: Baufirmen stellen Ikea zu hohe Rechnungen, den ausgezahlten Überschuss teilen sich die Beteiligten untereinander auf. „Der Mann wusste alles von meiner Firma und gab mir knapp eine Minute Bedenkzeit“, sagt Alvarez. Er macht mit und baut europaweit Ikea-Filialen. Drei Viertel seiner Aufträge erhält er von dem Konzern, dessen Leitung nichts von den Machenschaften ahnt.

Es war eine Zeit, in der sich Baufirmen gegenseitig unterboten haben, in der es schwer war, an Aufträge zu kommen. „Das wussten die“, so Alvarez. Über das System sei in dem Großraumbüro offen gesprochen worden. Es funktionierte. Der geschätzte Schaden für Ikea liegt im zweistelligen Millionenbereich.

2004 packt die Ex-Geliebte und Kollegin des Initiators Manfred B. vor der Staatsanwaltschaft aus. „Hunderte Polizisten liefen in unser Haus, in dem Moment wäre ich lieber tot gewesen“, erinnert sich Isabel Alvarez, die von den Machenschaften ihres Mannes nichts wusste. „Ich verstehe aber, unter welchem Druck er stand.“

Alvarez stellt sich der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge zur Verfügung, wird dafür aber nicht belohnt. „Man wollte an ihm ein Exempel statuieren“, sagt Reiter. Das Urteil: drei Jahre Haft. Seit acht Wochen ist er wieder bei seiner Frau und seinen drei Kindern, die zu ihm stehen.

„Es heißt doch in guten wie in schlechten Zeiten“, sagt Isabel Alvarez. Heute berät Frank Alvarez ehrenamtlich Firmen zum Thema Korruption. Eins macht ihm zu schaffen: „Man denkt, dass jeder in einem nur noch den Täter sieht.“

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