Versöhnung: Daniel Rouxel - Endlich kein „Bastard“ mehr

Versöhnung: Daniel Rouxel - Endlich kein „Bastard“ mehr

Daniel Rouxel bekommt als erstes Kriegskind eines deutschen Soldaten und einer Französin einen deutschen Pass.

Paris. Mit Tränen in den Augen hält Daniel Rouxel die deutsche Einbürgerungsurkunde in der Hand. Auf diesen Moment hat der 66-jährige Franzose seit Jahren gehofft. "Jetzt bin ich auch Deutscher", sagt der ehemalige Gastwirt vor dem deutschen Konsulat in Paris. "Ich bin kein Bastard mehr. Die zweite Hälfte meiner Identität ist endlich anerkannt."

Er ist eines von bis zu 200000 "Kriegskindern" - Kinder, die im Zweiten Weltkrieg aus Beziehungen von Französinnen mit deutschen Soldaten hervorgegangen sind. Und er ist der erste von ihnen, der die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hat.

Zu lange seien sie beschimpft worden als "Bastarde", "Scheißdeutschenkinder" und "Hurenkinder", sagt Rouxel, der heute mit seiner zweiten Frau in Le Mans lebt.

Seine Mutter Mathilde arbeitete 1942 im Kasino der deutschen Wehrmacht in der Normandie. Als sie eine Panne mit ihrem Fahrrad hatte, lernte sie den Unteroffizier Otto Ammon kennen, die beiden verliebten sich. Dann wurde Otto auf die Kanalinsel Guernsey versetzt, und Mathilde brachte ihren Sohn Daniel im April 1943 lieber im anonymen Paris zur Welt.

Sie wusste nicht, was sie tun sollte, hatte Angst vor Repressionen und gab den Säugling in ein Heim. "Auch meine Mutter hat eine Katastrophe durchlebt", sagt der grauhaarige Mann heute. Mit vier Jahren kam er zu seiner Großmutter in das 600-Seelen-Dorf Mégrit in der Bretagne - zu einer Frau, die er mit "Sie" anreden musste und die sich jede Berührung verbat. "Sie schämte sich für mich, sperrte mich nachts im Hühnerstall ein."

Seine Mutter habe er einmal im Jahr gesehen. Erst in ihren letzten Lebensjahren habe er erfahren, dass sein Vater und sie zusammenbleiben wollten: "Seitdem weiß ich, dass ich ein Kind der Liebe bin, die durch den Krieg unmöglich geworden ist."

Otto Ammon stirbt beim Rückzug der deutschen Armee, vorher hat er noch seine Familie bei Stuttgart gebeten, sich um seinen Sohn zu kümmern. Doch das will Mathilde Rouxel nicht.

Das gedemütigte Kind macht den Vater zum Halbgott: "Ich habe ihn auf einen Sockel gestellt." Das nützte dem strohblonden Jungen im Alltag nichts. Die Nachbarskinder hänselten ihn täglich, der Dorfvorsteher verhöhnte ihn nach dem Kirchgang: "Wisst ihr, was der Unterschied zwischen einer Schwalbe und einem Deutschen ist? Die Schwalbe nimmt ihre Jungen mit, wenn sie weiterzieht."

Im Unterschied zu anderen Kriegskindern nahmen seine deutschen Verwandten nach dem Krieg bald Kontakt zu Daniel auf. Mit zwölf Jahren hat er sie das erste Mal in Unterweissach besucht. Doch erst als er Mitte der 90er Jahre die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat, um endlich als Kind seines Vaters anerkannt zu werden, sei ihm bewusst geworden, dass es zehntausende andere gibt.

Nur wenige wollten aber wie er auch die Nationalität ihres Vaters annehmen, und nicht jeder hat das Glück, seine Herkunft so genau belegen zu können.

Nach der bewegenden Zeremonie im Konsulat sagt Rouxel: "Ganz begriffen habe ich es noch nicht." Er danke Deutschland für seine "Großzügigkeit". Seine Kindheit sei traurig gewesen, die Demütigungen werde er nicht vergessen. Aber die Freude über die zweite Staatsangehörigkeit lindere den Schmerz: "Ich bin ein glücklicher Mann."

Mehr von Westdeutsche Zeitung