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Wirtschaftsexperte Südekum: „Der Euro ist eine äußerst stabile Währung“

Interview : „Der Euro ist eine äußerst stabile Währung“

Der Wirtschaftsprofessor Jens Südekum über den erwachsen gewordenen Euro, seine Macken und die nötigen Reformen, die ihn wetterfest machen würden.

Mit 18 Jahren erreicht man in Deutschland die Volljährigkeit, ab 21 Jahren kann grundsätzlich nicht mehr das Jugendstrafrecht angewendet werden. So gesehen ist der Euro mit dem Jahreswechsel endgültig erwachsen geworden: Vor 21 Jahren wurde er als Buchgeld eingeführt, vor 18 Jahren dann auch in zunächst zwölf EU-Staaten als Bargeld. Grund genug, den Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor Jens Südekum danach zu fragen, wie er die Währung heute bewertet.

Herr Südekum, 18 Jahre nach der Bargeld-Einführung: Hat sich der Euro als Glücksfall erwiesen?

Jens Südekum: Der Euro hat sich als äußerst stabile Währung erwiesen. Er hat zwar weiterhin große Macken. Aber die könnte man reparieren. Dafür müsste Europa bereit sein, einige Gründungsmythen der Währungsunion zu überdenken und Geburtsfehler zu beheben. Das sollte jetzt, wo der Euro quasi erwachsen geworden ist, zügig geschehen. Ein Zurück in ein Europa mit vielen kleinen Währungen wäre jedenfalls keine vernünftige Option.

Wo hat der Euro Ihre Erwartungen übertroffen?

Südekum: Die Inflation war seit der Einführung des Euro geringer als zu Zeiten der D-Mark. Deshalb waren die Realzinsen, die man etwa auf dem Sparbuch erhält, früher auch nicht höher als heute. Gleichzeitig feiern wir auf dem Arbeitsmarkt seit ungefähr zehn Jahren einen Beschäftigungsrekord nach dem nächsten. Für diese Erfolge sind der Euro und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) mitverantwortlich. Außerdem hat sich die EZB als einzige wirklich handlungsfähige Institution Europas erwiesen. Auf dem Höhepunkt der Eurokrise haben drei Worte („Whatever it takes“) von EZB-Präsident Mario Draghi genügt, um der destruktiven Spekulation der Finanzmärkte gegen souveräne europäische Staaten den Stecker zu ziehen. Seitdem spielt die EZB auch endlich die Rolle, die eine Zentralbank für eine erfolgreiche Währung spielen muss: als Kreditgeber der letzten Instanz und damit als Stabilitätsanker.

Und wo hat der Euro Sie enttäuscht?

Südekum: Die Währungsunion ist weiterhin unvollkommen, denn die Regierungen der Euro-Mitgliedsstaaten sind nicht bereit, ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen. Die EZB kann mit ihrer Geldpolitik nicht alle Probleme alleine lösen. Wir brauchen zusätzlich eine koordinierte Fiskalpolitik oder noch besser eine zentrale Institution in Brüssel, die in einer Konjunkturkrise massive Summen mobilisieren kann. Jede erfolgreiche Währung braucht dieses Zusammenspiel aus Geld- und Fiskalpolitik. Europa klammert sich aber stattdessen an die Maastricht-Kriterien und an zu restriktive Haushaltsdisziplin. Das ist eine Schönwetterkonstruktion, die im Krisenfall nicht funktioniert. Das muss Europa besser machen.

Wie beurteilen Sie die Chancen, dass sich die Eurozone über die bisher 19 Länder hinaus durch Erreichen der Konvergenzkritierien noch vergrößert?

Südekum: Eine Ausweitung des Euro sollte jetzt nicht oben auf der Tagesordnung stehen. Zunächst müssen die Institutionen für die jetzigen Mitgliedsstaaten reformiert werden. Durch die Vollendung der Europäischen Bankenunion, den Ausbau des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zu einem Europäischen Währungsfonds und die Einführung von Eurobonds. So kann der Euro wetterfest gemacht und weiterentwickelt werden. Und so ließen sich auch massive Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz bezahlen, die Europa so dringend für mehr nachhaltiges Wachstum braucht.

Wie wird sich aus Ihrer Sicht die Rolle des Euro im internationalen Währungsvergleich in den nächsten Jahren entwickeln?

Südekum: Auch die internationale Rolle des Euro wird davon abhängen, ob diese Reformen gelingen. Der Euro wird dem Dollar als Leitwährung niemals Konkurrenz machen können, wenn es kein ausreichendes Angebot bombensicherer europäischer Staatsanleihen gibt, die im Ernstfall durch die EZB garantiert werden. Auf dieser Konstruktion basiert das sogenannte Dollarprivileg. Mit der heutigen Finanzpolitik ist ein vergleichbares Euro-Privileg jedenfalls nicht zu schaffen.