Was Kunden über Billigstrom-Anbieter und ihre Pleiten wissen müssen

Verbraucher: Was Kunden über Billigstrom-Anbieter und ihre Pleiten-Strategien wissen müssen

Die Pleiten von Energiefirmen häufen sich. Und weitere drohen. Das Versagen hat System. Eine Analyse.

Flexstrom und Teldafax zählen zu den größten Pleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Rund 1,6 Millionen Kunden waren vor einigen Jahren von den Insolvenzen betroffen. Jüngst traf es weitere 500 000 Strombezieher, denn auch der Billiganbieter BEV Energie hat kein Geld mehr. Hinzu kommen kleinere Firmen wie Care Energy, E:veen und die DEG Deutsche Energie. Insgesamt mussten allein in den vergangenen 24 Monaten acht Strom- und Gasanbieter Insolvenz anmelden. Und weitere Pleiten drohen.

Mit Lockangeboten an die Spitze der Vergleichsportale

Hinter der Zahlungsunfähigkeit steckt immer das gleiche Muster: Über sehr günstige Tarife auf der Basis hoher Bonus-Lockangebote schieben sich die Discounter an die Spitze der großen Vergleichsportale wie Check24 und Verivox. Dass die Firmen dabei im ersten Vertragsjahr Verluste einfahren, nehmen sie bewusst in Kauf. Die Unternehmen hoffen darauf, dass ein Großteil der Kunden die Kündigungsfrist verpasst und damit automatisch nach einem Jahr wesentlich mehr zahlen muss – oft steigt der Preis auf das Doppelte. Mit diesen Einnahmen werden dann die Lockangebote für die neuen Kunden finanziert.

Wie die Insolvenzen zeigen, geht die Wette auf die Trägheit der Strombezieher aber längst nicht immer auf. Unter denen, die einen neuen Stromanbieter suchen, gibt es immer mehr Profiwechsler. „Die suchen sich jedes Jahr ein neues günstiges Angebot“, sagt Udo Sieverding, Energie-Experte der Verbraucherzentrale NRW. „Wer nie wechselt, zahlt den Neukundenbonus für die Profi-Wechsler quasi mit“, so Sieverding.

Weitere Pleiten sind wahrscheinlich

Die Discounter kämpfen aber nicht nur mit wechselwilligen Verbrauchern, sondern auch mit steigenden Beschaffungskosten. Der Preis an der Strombörse, wo sich viele Billiganbieter kurzfristig eindecken, ist nach Zahlen der Bundesnetzagentur seit Anfang 2018 um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Weil der Druck also von zwei Seiten kommt, gelten weitere Pleiten als wahrscheinlich. Dafür sprechen auch die zahlreichen Beschwerden, die im Netz kursieren. Da ist von nicht ausgezahlten Bonuszahlungen und versteckten Preiserhöhungen die Rede. Zu den Discountern, vor denen oft gewarnt wird, gehören ExtraEnergie, Stromio, 365 AG und Fuxx.

20 Jahre nach der Liberalisierung des deutschen Strommarktes sieht der Verbraucherzentrale Bundesverband Handlungsbedarf für eine Kurskorrektur. „Wildwestmethoden auf dem Energiemarkt haben in der Vergangenheit viele Verbraucher verunsichert“, sagt Thomas Engelke, Teamleiter Energie und Bauen bei dem Verband. Die Bundesnetzagentur müsse ihre Aufsichtsrechte daher konsequent und umfänglich nutzen, und zwar „im Interesse der Verbraucher, der seriösen Stromanbieter und eines funktionierenden Strommarkts“.

Vergleichsportale spielen wichtige Rolle - und stehen in der Kritik

In der Kritik stehen auch die Vergleichsportale. „Verbraucher wären besser geschützt, wenn Vergleichsportale beim Ranking der Energieanbieter stärker berücksichtigen müssten, ob diese nur kurzfristig oder dauerhaft günstige Tarife anbieten, fordert Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen.

Portale wie Check24 und Verivox spielen auf dem Strommarkt eine immer wichtigere Rolle, vermitteln inzwischen jeden vierten Vertrag. Ohne solche Vergleichsrechner kann sich ein Kunde kaum einen Überblick im Dschungel der Angebote verschaffen. Derzeit sind bundesweit 124 Anbieter im Markt unterwegs. Die Portale bekommen für die Vermittlung neuer Kunden Provisionen von den Lieferanten. Deren Höhe habe aber keinen Einfluss auf das Ranking der Angebote, versichern sie. Verivox & Co. sehen ihre Rolle auch nicht in der Kontrolle der Stromanbieter. „Wir sind als Vergleichsportal nicht der Wächter des Marktes, sondern wir können den Markt nur transparent widerspiegeln“, sagt Dagmar Ginzel von Verivox. Ähnlich argumentiert Check24.

Aufpassen müssen Verbraucher selbst

Die Bundesnetzagentur wirbt dafür, den Wettbewerb zwischen den Anbietern zu nutzen, um sich gegen steigende Strompreise zu wappnen. Aufpassen müsse der Verbraucher aber selbst. „Generell empfehlen wir Verbrauchern, auffallend günstige Angebote genau zu prüfen und sich der möglichen Risiken bewusst zu sein“, so ein Sprecher der Netzagentur. Grundsätzlich gebe es „keine dauerhaft günstigen Tarife“, meint Dagmar Ginzel von Verivox.

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