Studie: Die Kehrseite der Wall Street

Studie: Die Kehrseite der Wall Street

Eine ehemalige Investment-Bankerin aus Grevenbroich gibt einen Einblick in die ungesunde Welt der 100-Stunden-Wochen.

New York/Grevenbroich. Perfekt sitzender Scheitel, gebügeltes Hemd, Maßanzug — immer auf zack. Das ist das Bild, das die Öffentlichkeit von einem Investmentbanker hat — jenen Damen und Herren, die in den Bürotürmen von New York bis Frankfurt milliardenschwere Übernahmen abwickeln, Börsengänge vorbereiten oder am Finanzmarkt zocken. Und die dafür fette Boni kassieren.

Soweit das Klischee. Aber der Erfolg in dem Geschäft hat seinen Preis. Arbeiten von früh morgens bis tief in die Nacht, kaum freie Wochenenden, hastig reingeschaufeltes Essen und der ständige Erfolgsdruck fordern ihren Tribut. Nach ein paar Jahren im Job leide so gut wie jeder Investmentbanker unter Schlafstörungen oder verfallen dem Alkohol, sagt jedenfalls Alexandra Michel. Und sie muss es wissen.

„Ich war einer dieser Jungbanker, die 80 oder manchmal auch 100 Stunden die Woche arbeiten“, erzählt Michel, die es nach einer Banklehre von Grevenbroich an die hektische Wall Street verschlagen hatte. Drei Jahre lang arbeitete sie bei der Investmentbank Goldman Sachs.

„Mein Mann und ich haben uns kaum gesehen“, sagt Michel. Sie zog die Notbremse. Heute doziert Michel an der University of Southern California und hat eine Studie über das Leben und Arbeiten an der Wall Street veröffentlicht.

Es ist einer der intimsten Einblicke in die Welt der Hochfinanz, die es bislang gab. „Die ersten drei Jahre arbeiten sich die Banker die Seele aus dem Leib, der Körper verkraftet das in jungen Jahren“, gibt Michel ihre Untersuchungsergebnisse wieder. „Die Leute prahlen damit, dass sie zwei Nächte nicht geschlafen haben. Ein Blutfleck auf dem Hemd gilt als Ausweis, dass man es nicht nach Hause geschafft hat und sich auf der Toilette rasieren musste.“

Ab dem vierten Jahr gehe es aber steil abwärts mit der Gesundheit, so Michel. „Viele haben Zusammenbrüche, werden krank oder entwickeln nervöse Ticks wie Nägelkauen.“

60 Prozent der Banker machten trotz aller gesundheitlichen Probleme einfach weiter wie bisher. „Die Banker wollen so viel verdienen, dass sie sich damit ihren Traum verwirklichen können“, sagt Michel. „Die Wahrheit ist aber: Nach all den Jahren in der Bank wissen sie gar nichts mehr mit ihrer Zeit anzufangen.“