„Shitstorms“: Die Macht der Online-Wut

„Shitstorms“: Die Macht der Online-Wut

Gebündelte Kommentare in der digitalen Welt können bei Firmen viel bewirken.

Neuss. Dass die Direktbank ING-DiBa sich jemals mit Vegetariern auseinandersetzen müsste, hatten die Verantwortlichen sicherlich nicht auf der Rechnung, als sie den Werbespot freigaben, in dem Basketball-Star Dirk Nowitzki im Metzgerladen eine Wurstscheibe isst. Doch die Sozialen Netzwerke machten es möglich. Zahlreiche Vegetarier beschwerten sich 2012 auf der Facebook-Seite des Unternehmens über den Spot.

Ein klassischer „Shitstorm“ — die Bezeichnung für die digitale Wutwelle — brach über das Unternehmen herein. Anfragen und Kommentare laufen heute minütlich bei Unternehmen ein. Der Weg über das Telefon gilt oft als veraltet, Kunden fordern in Online-Netzwerken Rat, Tat und Entschuldigung ein. Kommt nichts zurück, droht das Ungemach der Netzgemeinschaft. Auf Facebook oder Twitter sind die Wege kurz, eine Notiz schnell geschrieben — öffentlich und einsehbar. Eine Beschwerde kann so weitreichende Folgen haben.

Umso mehr, wenn tatsächlich Unternehmen wie die Neusser Agentur Caveman den Shitstorm als Auftragsarbeit anbieten. Geschäftsführer Oliver Bienkowski weist zwar darauf hin, dass die Aufträge überprüft werden: „Wir haben unsere Grenzen, wenn Menschen ausgegrenzt werden.“ Diese Grenze scheint es aber nicht zu geben, wenn sich der Shit-storm gegen eine Firma richtet. Medienrechtler sehen das kritisch, der Manipulation seien die Tore geöffnet: „Unternehmen können damit ihre Konkurrenten wettbewerbswidrig behindern“, sagt Eva Dzepina, auf Internetrecht spezialisierte Rechtsanwältin bei der Düsseldorfer Kanzlei Borgelt & Partner.

Für die Anwältin sind Auftrags-Shitstorms eine sittenwidrige Schädigung — im Gegensatz zu ihren „normalen“ Pendants, die Meinungsäußrungen Einzelner sind: „Diese Form des Shitstorms ist keine Meinungsäußerung mehr, sondern geht in den Bereich Persönlichkeitsverletzung, Beleidigung und Verleumdung.“

Legaler und billiger geht Protest beim Bochumer Künstler Matthias Schamp. Der verkauft jetzt den Schmähruf „Buh“ in Papiertüten. Kosten: 20 Euro.

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