Bayer/Monsanto : Große Zuversicht trotz Klagewelle

Bayer ist sicher, mit dem Monsanto-Kauf und dem Abbau von Stellen den richtigen Kurs zu fahren.

Werner Baumann achtet sehr darauf, den Namen „Monsanto“ nicht in den Mund zu nehmen. Der Bayer-Chef spricht stattdessen lieber vom „akquirierten Geschäft“. Gemeint ist damit der teuerste Kauf, den je ein deutscher Konzern gestemmt hat: 63 Milliarden US-Dollar hat sich Bayer 2018 die Übernahme von Monsanto kosten lassen.

Die Folgen dieser Entscheidung sind das Top-Thema bei der Bilanz-Vorlage am Mittwoch in Leverkusen. Umstritten ist, ob der Wirkstoff Glyphosat, den Monsanto in seinem Unkrautvernichter Roundup einsetzt, Krebs auslösen kann. Im vergangenen August hatte ein US-Gericht dies bejaht und Bayer zu 78 Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt. Nun will der deutsche Konzern in der Berufungsinstanz beweisen, dass Glyphosat unschädlich ist.

Aber damit ist es nicht getan: Laut Baumann wurden Bayer bis zum 28. Januar dieses Jahres etwa 11 200 Glyphosat-Klagen zugestellt. 2019 sind sieben Verfahren zur Verhandlung angesetzt. Und der Konzernchef geht davon aus, dass es sich dabei um langwierige Prozesse handelt, die durch mehrere Instanzen gehen können.

Trotz der Klagewelle gibt sich der Bayer-Chef zuversichtlich

Dennoch bleibt Baumann zuversichtlich. „Glyphosat ist ein sicheres Produkt. Wir werden uns in allen Verfahren entschieden zur Wehr setzen,“ sagt der Manager. Er zitiert das kanadische Gesundheitsministerium, das die Sicherheit von Glyphosat kürzlich ein weiteres Mal geprüft habe. Demnach „sieht derzeit keine Zulassungsbehörde weltweit ein Krebsrisiko für den Menschen“.

Im Gegensatz dazu hatte die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) Glyphosat im März 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft – die Klagen in den USA berufen sich vor allem auf diese Bewertung.

Trotz der vielen Klagen sieht Bayer keinen Grund, für mögliche Schadensersatzansprüche Vorsorge zu leisten. Teuer ist der Streit dennoch schon jetzt: Die Rückstellungen für juristische Auseinandersetzungen stiegen im vergangenen jahr um rund 660 Millionen Euro. „Wir stellen hier im Wesentlichen für drei Jahre Verteidigungskosten zurück“, erläutert Finanzvorstand Wolfgang Nickl.

Um die „Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft zu stärken“, will Bayer bis 2021 weltweit 12 000 von 118 000 Arbeitsplätzen streichen. Allein in Wuppertal, wo das Unternehmen 1863 gegründet wurde, fallen 750 von 3400 Stellen weg. Betriebsbedingte Kündigungen gibt es bis 2025 nicht. Es greifen großzügige Vorruhestands- und Abfindungsangebote. Hinzu kommen Verkäufe: Bayer will das Geschäft mit Tiermedikamenten, den 60-Prozent-Anteil am Chemieparkbetreiber Currenta sowie die rezeptfreien Marken Dr. Scholl’s (Fußpflege) und Coppertone (Sonnenschutz) abgeben.

Netto-Schuldenberg ist auf
35,7 Milliarden Euro gewachsen

Für 2018 weist Bayer einen Konzernumsatz von 39,4 Milliarden Euro aus. Währungseffekte und Übernahmen herausgerechnet, entspricht das einem Plus von 4,5 Prozent. Der Gewinn nach Steuern fiel um 76,9 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro. Hauptgrund für das dicke Minus: Im Vorjahr gab es einen außerordentlichen Ertrag durch den Verkauf der Kunststoff-Tochter Covestro. Der Schuldenberg wuchs durch den Monsanto-Kauf auf 35,7 Milliarden Euro und damit weniger stark als erwartet. Noch im August war der Vorstand von 39 Milliarden Euro ausgegangen.

In den kommenden vier Jahren will Bayer rund 35 Milliarden Euro für Zukunftsinvestitionen ausgeben, zwei Drittel davon für Forschung und Entwicklung. Jedes Jahr bringen die Mitarbeiter im Schnitt 450 Erfindungen hervor, für die Bayer Patentschutz beantragt. Nach der Monsanto-Übernahme blickt Baumann besonders zuversichtlich auf den Agrarbereich. „Gemeinsam verfügen wir nun über die größte und wertvollste Forschungspipeline der Branche“, so der Bayer-Chef. Sie enthalte mehr als 75 Projekte in den Bereichen Saatgut, Pflanzenschutz und digitale Landwirtschaft. In der Agrochemie schätzt der Konzern das Spitzenumsatzpotential von Produkten, die im Zeitraum 2017 bis 2022 auf den Markt kommen, auf mehr als 17 Milliarden Euro.

Ohne die Begriffe „Monsanto“ und „Gentechnik“ zu nennen, kritisiert Baumann zum Ende seiner Erläuterungen die öffentlichen Debatten in Deutschland und Europa. „Während anderswo an der Zukunft gearbeitet wird, hadern hier viele Menschen mit dem technischen Fortschritt.“

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