Glosse: Mit dem Handtuch die Liege am Pool reservieren — das war gestern

Glosse : Mit dem Handtuch die Liege am Pool reservieren — das war gestern

Düsseldorf. Es ist eine Situation wie vor dem Startschuss zu einem olympischen Sprint. Und doch ist vieles anders in dem auf der Internetplattform Youtube veröffentlichten Filmchen, aufgenommen vom Balkon einer Hotelanlage im spanischen Benidorm.

Die am Morgen auf den Startschuss Wartenden sind zwar ähnlich knapp bekleidet wie Athleten, sehen aber weit weniger durchtrainiert aus.

Und dann das Signal des Hotelpersonals — der Sprint geht los. Aus allen Richtungen rennen die Hotelgäste in Richtung Pool-Anlage. Die Schnellsten markieren mit mehreren fallengelassenen Handtüchern die Kante zum Pool. Dann laufen sie zurück, holen die Sonnenliegen und legen die zuvor abgeworfenen Handtücher darauf ab. Geschafft.

Nächste Szene, Minuten später: Die Lage in der Arena hat sich entspannt. Die siegreichen Handtuchkrieger haben sich zur Stärkung ans Frühstücksbüffet zurückgezogen.

Dieser Urlauberwettstreit ist, anders als oft vermutet, kein typisch deutsches Phänomen. In dem angesprochenen Filmchen waren es beispielsweise Briten, die den morgendlichen Wettlauf um den besten Platz am Pool veranstalteten.

Echte Profis geben sich freilich nicht mit einem Standort zufrieden, sondern blocken Liegen gleich in verschiedenen Bereichen. So können sie mal in der Sonne, mal im Schatten entspannen. In diesem sicheren Gefühl brechen sie nach dem Frühstück gelassen zum Strandspaziergang auf.

Zum Thema Liegestuhl-Reservierung haben sich schon Psychologen und Juristen eingelassen. Der psychologische Aspekt geht so: Das Verhalten ist nichts, was man kulturell dem Menschen anlasten darf. Es ist nämlich bereits evolutionär angelegt. Im Tierreich werden beanspruchte Gebiete mit Urin markiert. Verglichen damit ist das Handtuch doch ein feiner zivilisatorischer Fortschritt. Die juristische Perspektive ist für die Handtuchkrieger freilich unbefriedigend. Ein auf einer Liege abgelegtes Handtuch vermittelt nämlich keinerlei Besitzansprüche an der Liege. Ein jeder, der keinen Streit scheut, kann es beiseitelegen und seinen sonnenhungrigen Körper auf der Liege betten.

Anders ist es nur, wenn es doch mal ausnahmsweise ein Besitzrecht gibt. Eben dieses bietet jetzt der Reiseveranstalter Thomas Cook mit seinem Projekt „Meine Sonnenliege“ an. An die Stelle der Reservierung per Handtuch tritt die per Mausklick. Und das geht so: Sechs Tage vor Reisebeginn erhalten Kunden, die ein Zimmer in einem der teilnehmenden Hotels gebucht haben, eine E-Mail. Darin das Angebot, eine Wunschliege am Hotelpool zu reservieren. Über einen Link gelangen sie auf einen Pool-Lageplan. Darauf sind neben dem Pool und den Sonnenliegen Bars in Pool-Nähe eingezeichnet. Ein Kompass zeigt an, wo man zu verschiedenen Tageszeiten Sonne oder Schatten hat. Kosten für die Buchung der persönlichen Wunschliege mit Handtuch: 25 Euro pro Reiseaufenthalt. Die Liege ist dann mit einem Schild gekennzeichnet, auf dem die Zimmernummer des Gastes steht. Sollte dann doch ein Handtuchkrieger illegal das Territorium besetzen, bekommt er es mit dem Reiseveranstalter zu tun. So geht Urlaub!

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